Die schwarze Kugel

Alles hängt von dieser kleinen Kugel ab – sie darf nicht schwarz sein. Landet eine schwarze Kugel in dem Beutel, heißt es für den Kandidat, dass sich sein Traum von der Mitgliedschaft im Country-Club ausgeträumt hat. Walter Higgings ist ein Aufsteiger – seine Mutter hatte ihn in eine undankbare Welt hineingeboren. Aber durch eigene Kraft hat er es geschafft: eine Frau, gut geratene Kinder, ein Haus und eine Stellung, als Filialleiter einer Supermarktkette. Von allem im Ort geachtet, fehlt Walter Higgings nur noch das eine: die Mitgliedschaft im Country-Club und damit alle weißen Kugeln.

Über die Story


Walter Higgings kam von ganz unten. Der Vater war mit seiner Schwester irgendwann verschwunden, seine Mutter blieb mit ihm zurück – weder den einen noch den anderen bekam er je zu Gesicht, ihm blieb nur die Mutter. Diese harte Formulierung trifft es im Kern – die Mutter war eine notorische Lügnerin und Diebin, die sich immer wieder in Schwierigkeiten brachte; man wusste nicht ob bewusst oder unbewusst. Trinkerin war sie auch. Es musst Walter Higgins erhebliche Kraft gekostet haben, aus diesem Loch, in den ihn das Leben schon bei der Geburt stieß, zu verlassen.

In der Schule war er nicht schlecht, danach arbeitete er als Aushilfskraft in einem Supermarkt. Dann der Tag, an dem er Abteilungsleiter wurde: da hatte er schon die Eroberung seines Lebens gemacht. Walter hatte es nie für möglich gehalten, die die Superfrau an der Schule in seinen Armen landen würde: Nora. Nun lebte er in Williamson und er hatte sich in der Kette, in der er als Botenjunge angefangen hatte, zum Filialleiter hochgearbeitet. Er hatte vier Kinder, ein fünftes war im Anmarsch; ein Haus und ein Auto. Für eine Familie in den Fünfzigern war das schon jede Menge. Walter Higgings wusste das.

Ein wenig mehr konnte es aber noch sein: ihm schwebte eine Mitgliedschaft im örtlichen Country Club vor. Der Mann kannte nichts anderes, als für die Gemeinschaft zu leben: entweder für die familiäre Gemeinschaft, für die er alles tat, oder für die städtische Gemeinde. Abend für Abend hockte er über Zahlenmaterial, um in den Ausschüssen kompetent mitreden zu können.

Vielleicht sah es Walter als eine Art Ausgleich für seine Arbeit an, in den Country Club aufgenommen zu werden; auf jeden Fall aber als Anerkennung seiner Arbeit.

Die Mitglieder eines Country Clubs, zumindest war das bei diesem so, müssen über die Aufnahme eines Mitglieds abstimmen und die Entscheidung muss eindeutig sein. Dazu gibt jeder seine Stimme mit Hilfe einer Kugel ab. Liegt nur eine einzige Kugel im Beutel, wurde die Aufnahme des Aspiranten abgelehnt.

Higgins versucht den Abend wie einen normalen Abend aussehen zu lassen. Wie ließe sich das besser bewerkstelligen, als durch einen Gang mit dem Rasenmäher über das Grün. Nur lässt sich das Hirn bei diesem Kürzungsvorgang nicht abstellen, als Ablenkung ist Rasen mähen nicht gedacht. Sein Vertrauter hat ihm versprochen, dass alles glatt gehen würde – in diesem Vertrauen hat er Champagner gekauft und ihn in der Garage kaltgestellt. Nun wartete er auf den Anruf.

Der kam: sein Bürge teilt ihm mit, dass es auch bei diesem zweiten Anlauf nicht funktioniert hat. Eine Kugel mit der falschen Farbe »zierte« den Beutel – sein Antrag wurde deshalb abgelehnt. Higgings kann es nicht fassen. Eine Welt bricht zusammen, er traut sich kaum seiner Frau und vor allem seiner ältesten Tochter in die Augen zu sehen. Gerade die ist es, die die Neuigkeit mit nach Hause bringt und ihn geradeheraus fragt, warum er denn einen Antrag für den Country-Club gestellt hat. Seine Frau fällt aus allen Wolken: Higgings hatte sie nicht informiert.

Man bekommt mehr und mehr den Eindruck, als ob es nur für den Mann wichtig ist, diesem Club beizuwohnen. Seine Frau ist mit dem, was sie hat, eigentlich recht zufrieden; seine älteste Tochter – die ihn schon seit längerem distanziert behandelt – hat keinerlei Verständnis für den zweiten Versuch. Vielleicht eine Frage der Ehre: wen man beim ersten Mal nicht haben wollte, der sollte es kein zweites Mal versuchen.

Higgings muss sich einen anderen Weg suchen und den findet er. Als Leser hält man den Atem an, fängt aber an den Mann zu schätzen, freut sich, dass er in der Familie an Respekt gewinnt ohne Statussymbole. Unter Beachtung der damaligen Verhältnisse in Amerika muss man zugeben, dass der Mann Mut beweist, auch wenn es eigentlich nur eine kleine Demonstration ist. Diesen eingeschlagenen Weg folgt er über den Umweg eines Ausfluges in die Vergangenheit, zu dem ihn seine Mutter – die ihn nie geliebt hat – zwingt.

Eigentlich überhaupt gar nicht untypisch, dieser Umweg über die Mutter. Wieder eine Aufarbeitung des eigenen Verhältnisses zur Mutter – auch wenn Simenons wirklich nicht das Kaliber von Walter Higgings Mutter hatte. Es ist aber bemerkenswert, dass es selten ein väterliches Elternteil ist, dass die unsympathische Rolle in einem Roman übernehmen muss. Diese Rolle spielt immer die Mutter. Außer in »Der kleine Heilige« sind selten Szenen der Verbundenheit mit der Mutter zu finden.

Deutschsprachige Ausgaben

4 Ausgaben - erste Ausgabe: 1962 - letzte Ausgabe: 1992

1962

Die schwarze Kugel
Kiepenheuer & Witsch (K62)
Übersetzung: Hansjürgen Wille/Barbara Klau

1968

Die schwarze Kugel
Heyne (K62)
Übersetzung: Hansjürgen Wille/Barbara Klau

1982

Die schwarze Kugel
Diogenes (detebe 21011)
Übersetzung: Renate Nickel

1992

Die schwarze Kugel
Diogenes (detebe 21011)
Übersetzung: Renate Nickel

Cinema & TV

La boule noire
2015 - Frankreich
ein Film von Denis Malleval
produziert von Jean-Baptiste Neyrac
mit Antoine Duléry [Guy Carnot]

Hörspiele & -bücher

Die schwarze Kugel
1963 - SWF
von Gert Westphal