Die Komplizen

Ein Wagen fährt in der Mitte einer Straße, sich nicht um die Verkehrsregeln zu kümmern. Gegenseitige Rücksichtnahme spielt für den Bauunternehmer Lambert in dem Augenblick keine Rolle, denn er ist mit seiner Angestellten beschäftigt. Einen Augenblick später ist das Unglück passiert: ein Bus kann nicht ausweichen und prallt aufgrund der Unachtsamkeit Lamberts gegen eine Mauert. Es gibt viele Tote und Lambert muss zusehen, dass er seine Haut rettet.

Über die Story


Was passiert, wenn man einen Unfall baut? Man ruft die Polizei, schildert sein (oder das) Unglück und regt sich, wenn man schuldlos zu sein scheint, sich über den Unfallgegner auf. Danach übergibt man die Angelegenheit der Versicherung und die Sache ist erledigt. Schön wär’s ja.

Ich habe mal jemanden von der Autobahn geschubst, ich weiß, dass die Sache damit nicht erledigt gewesen ist. Für mich ist die Sache klar gewesen: wenn man ins Rutschen gerät, wie es mir passiert ist, dann ist man auch Schuld. Da kann einem keiner nehmen. Es ist nichts Schlimmeres passiert, ein paar Kratzer bei den Insassen des anderen Wagens, ein gehöriger Schreck und zweimal Totalschaden. Aber mein Verhältnis zu Straße und Geschwindigkeit hat sich seitdem doch ein wenig geändert. Oder anderes: meine Frau erzählte mit am Telefon, dass vor ihr ein Kleinwagen von einem Traktor überfahren worden war. Der Fahrer des Kleinwagens war sofort tot. Schön für ihn, denkt man sich vielleicht, wenn man an das Schicksal anderer Unfallopfer denkt und gerade dabei ist, die Zeitungsmeldungen zu überfliegen. Ich habe mir gedacht: wie geht es dem Traktorfahrer?, was nichts damit zu tun hat, wie häufig beklagt, dass man den Tätern mehr Verständnis entgegenbringt als den Opfern. Es ist wahrscheinlich blanker Egoismus, denn man sich einen kleinen Augenblick mal nicht selber belügt, muss man doch zugeben, dass jedem Autofahrer eine Waffe an die Hand gegeben wird. Mir kann einer vor das Auto springen oder ich kann einen Augenblick lang unaufmerksam sein - Resultat könnte ein toter Mensch sein.

Interessanterweise, habe ich gerade neulich in einem Bericht über das »Böse«  (was immer das auch sein mag), haben häufig die Menschen, die sich der fahrlässigen Tötung anderer Menschen schuldig gemacht haben, seelisch mehr damit zu kämpfen, als diejenigen, die eine Tat mit Vorsatz begehen. Das soll darauf zurückzuführen sein, dass sich die Fahrlässigen auf die Tötung nicht einstellen konnten.

Insofern hat Simenon in seinem Roman ein Thema angepackt, das seine Brisanz über die Jahre nicht verloren hat. Wie lebt man mit der Schuld, einen Menschen umgebracht zu haben?

Simenon lädt Joseph Lambert, dem Hauptprotagonisten dieses Romans, nicht nur die Schuld an dem Tod eines Menschen auf die Schultern, gleich ein ganzer Schulbus ist es, den Lambert auf dem Gewissen hat; der aufgrund seines Fehlverhaltens verunglückt und viele Kinder verbrennen ließ. Lambert war an diesem Tag mit seiner Sekretärin unterwegs, mit der er eine Affäre pflegte. Nach außen gab der Bauunternehmer vor, mit ihr die Baustellen zu inspizieren; die Realität sah etwas unterhaltsamer aus. Er war gerade mit ihr und ihrer Lust beschäftigt, und fuhr deshalb in der Mitte der Straße, als er das erste Mal das Hupen des Busses wahrnahm. Da war es schon zu spät. Im Rückspiegel sah er noch, wie der Bus auf eine Mauer zuraste.

Keinen Augenblick kommt ihm der Gedanke, umzukehren und zu helfen. Kein Wort vom Beifahrersitz, das ihn aufforderte, Hilfe zu leisten. Sie fuhren still weiter, und Lambert machte sich hinter dem Steuer Gedanken darüber, wie er am Besten seine Spuren verwischen konnte. Ein Schlenker hier, ein Umweg da.

Die nächsten Tage sind die reinste Tortour für Lambert: Der Unfall ist das Thema in der kleinen Stadt, denn die Kinder - Pariser - waren auf dem Rückweg aus einem Ferienlager zu ihren Eltern. Vor den Büros der Lokalzeitung drängelten sich die Menschen, die es nicht zum Unfallort geschafft hatten, um Bilder von dem Unglück zu sehen. Dort waren auch die Gesichter der Eltern auf Papier gebannt worden, die die Ankunft ihrer Kinder erwarteten und im Ungewissen waren, in welchem Bus ihre Kinder gesessen hatten.

In den Bistros diskutierten die Gäste die Ereignisse und manch einer schwang große Reden, was er mit dem Schuft anstellen würde, der diesen Unfall verursacht hatte. Fasst man die Situation mit äußerst unangenehm für Lambert zusammen, wäre es immer noch geschönt. Aber hat man Mitleid mit Lambert? Eigentlich nicht. Keinen Augenblick geht es ihm um das Leid der Kinder und Eltern. Ich hatte nicht das Gefühl, dass es ihn groß beschäftigen würde. Vielmehr errichtet er einen Schutzwall um sich, in dem er besorgt nachfragt, wer ihn wann an dem Tag des Unglücks gesehen hat und ist heilfroh, als er merkt, dass so mancher seiner Belastungszeugen ein Entlastungszeuge war, da die Erinnerungen nur sehr ungenau waren.

Aber die Sterne standen nicht günstig für den Unternehmen: während er damit beschäftigt war, sich über seine Familie Gedanken zu machen, wie zum Beispiel über seine Frau, die er betrügte, und die mit ihm nicht glücklich war, mit der es ein Nebeneinander herleben war und nicht ein Zusammenleben; oder über seinen Bruder Marcel, ein Studierter, der auf das rustikale Bauunternehmergehabe seines Bruders herabblickte, ist die Polizei auch nicht untätig geblieben. Schon bald kam heraus, dass es ein schwarzes Cabriolet gewesen sein musste, welches den Unfall verursacht hatte. So viele gab es davon im Bezirk nicht, so dass sich Lambert bald im Klaren darüber war, dass man ihn alsbald zu seinem Alibi befragen würde.

Eine zusätzliche Bedrohung sieht er in einem jungen Mann, der in die Stadt gekommen war, um den Unfall im Namen der Versicherungsgesellschaft des Busses zu klären. Diese hatte ein großes Interesse daran herauszufinden, wer den Unfall verursacht hatte. Leicht konnte an den Forderungen nach so einem Unfall, wie Lambert von einem Freund erklärt wurde, eine Versicherungsgesellschaft bankrott gehen. Gut, wenn man so ein Risiko auf eine andere Gesellschaft abschieben könnte.

Vielleicht ist das der Moment, wo sich alles dreht? Lambert, eingekreist, versinkt in eine »No Future«-Stimmung und fängt an, zu rebellieren. Er betrinkt sich, macht Randale und zieht Aufmerksamkeit auf sich, die er nicht gebrauchen könnte. Schon auf der ersten Seite des Romans hat man die Gewissheit, dass es nicht gut gehen konnte. Die Frage, die sich durch den Roman zieht, ist: Wie wird es nicht gut gehen? Auf welchen Wege wird die Katastrophe den Kopf des Bauunternehmers Joseph Lambert kosten? Man muss schon bis zur letzten Seite durchhalten, um diese Frage von Simenon beantwortet zu bekommen.

Deutschsprachige Ausgaben

6 Ausgaben - erste Ausgabe: 1959 - letzte Ausgabe: 2012

1959

Die Komplicen
Kiepenheuer & Witsch (K30)
Übersetzung: Hansjürgen Wille/Barbara Klau

1968

Die Komplicen
Heyne (K30)
Übersetzung: Hansjürgen Wille/Barbara Klau

1980

Die Komplizen
Diogenes (detebe 135/23)
Übersetzung: Stefanie Weiss

1990

Die Komplizen
Diogenes (detebe 20684)
Übersetzung: Stefanie Weiss

1998

Die Komplizen
Diogenes (detebe 20684)
Übersetzung: Stefanie Weiss

2012

Die Komplizen
Diogenes (detebe 24136)
Ausgewählte Romane – Band 36
Übersetzung: Stefanie Weiss

Cinema & TV

Die Komplizen
1982 - Deutschland
ein Film von Stanislav Barabáš

Les Complices
1999 - Frankreich
ein Film von Serge Moati
produziert von Patrice Meyer

Les complices
2013 - Frankreich
ein Film von Christian Vincent
produziert von John Simenon
mit Nathalie Boutefeu [Marie-Laure],
Thierry Godard [Marc Billard],
Jérôme Kircher [Jérôme],
Marie Kremer [Monica]

Hörspiele & -bücher

Die Komplizen
1966 - SWF
von Gert Westphal

Die Komplizen
1969 - ORF
von Friedrich Langer