Der Ausbrecher

Jean-Paul Guillaume führte ein unscheinbares, bürgerliches Leben. Eine Frau, zwei Kinder – das Alles in einem hübschen Haus, eine gute Anstellung als Lehrer. Es fehlte an nichts. Dann ging er eines Tages den üblichen Weg zur Arbeit und sah ein Schild, welches ihn an vergangene Zeiten erinnerte. Gute Zeiten oder schlechte Zeiten? Wer weiß, das Urteil kann man sich nicht erlauben. Aufregende Zeiten waren es, voller Abenteuer. Zeiten, die J.P.G. nötigten, seinen alten Namen abzulegen.

Über die Story


Dieser 2. Mai brachte einiges Durcheinander, und der Leser erfährt nicht sofort, warum. Es beginnt damit, dass eine Klasse des Jungengymnasiums nicht zum Unterricht abgeholt wird, da der Lehrer nicht erscheint. Das ist schon außergewöhnlich, man ist es von Jean-Paul Guillaume einfach nicht gewöhnt. Es kommt aber noch besser, die Schüler sollten aus dem Staunen nicht herauskommen.

Es herrschte eine gewissen Disziplinlosigkeit in der Klasse, was sicher daran lag, dass J.P.G., wie der Lehrer auch genannt wurde, nicht ganz bei der Sache war. Ruhe war nicht in die Klasse zu bringen, die zum Teil mit drakonischen Strafarbeiten, die er verteilte, fruchteten nichts. Die Jungen machten sich daran, einen Hampelmann zu basteln, die sie ihm anheften wollten. Dann passierte es: Just in dem Augenblick, in dem Vial, ein Schüler, ihm den Hampelmann anheften wollte, drehte J.P.G. sich um.

Seine weißen Hände machten eine rasche Bewegung und packten Vial an der Jacke, der alles tat, um sich zu befreien.
Durch die hastige Geste platzte eine Stoffnaht. Vial geriet in Panik, trat mit den Füßen um sich und trat dabei mit dem Absatz gegen das Schienbein des Lehrers.
Warum war J.P.G. so erschreckend? Die Klasse hatte nie Angst vor ihm gehabt, doch jetzt verstummte plötzlich alles Gelächter. Alle starten auf Vial, den zwei bleiche Hände an den Schultern packten.

Das könnte man einfach abtun, mit dem Hinweis, dass einem Lehrer immer wieder überraschen können, warum nun auch nicht Jean-Paul Guillaume, auch wenn er nicht in dem Ruf steht, der Strengste zu sein. Es ist wohl die Gestik des Lehrers, die die Schüler ratlos, gar ängstlich macht. Einer von ihnen macht sich auf den Weg zum Direktor, um ihm diesen Vorfall zu melden. Dieser ist maßlos entsetzt, da er das von J.P.G. nicht erwartet hätte, und Vial einen Vater hatte, der in der Stadt etwas zu »melden« hatte. Es ging nicht anders: der Direktor musste Konsequenzen siehen. Er beurlaubte den Lehrer, nicht ohne im aufzutragen, sich persönlich bei dem Vater von Vial zu entschuldigen.

Guillaume nimmt es hin.

Er, der sein Leben Tag für Tag gelebt hatte, ist an diesem Morgen aus der Gegenwart gerissen worden. Eine Begegnung hatte alles geändert. Stand er vor den Scherben seines Lebens, ging von Mado, der Frau, der er begegnet war, eine Gefahr aus? Das alles wusste er nicht, er konnte es nicht einschätzen.

Gleichzeitig stellte sich ihm die Frage, ob das Leben, das er führte, das Leben war, was er sich unbedingt gewünscht hatte. Er hatte eine Frau, die ihn nicht liebte, und zwei Kinder, die ihn (wahrscheinlich) respektierten. Wenn man das von dem Sohn, der in der gleichen Klasse wie Vial war, wahrscheinlich nicht behaupten konnte, denn er sah Tag für Tag, wie sich sein Vater mit den Schülern abmühte (auch kein leichtes Schicksal, Sohn von einem Lehrer zu sein [ist fast wie ein Stigma, ich weiß es aus Erfahrung, will aber mal nicht übertreiben]), sah, dass seine Mitschüler seinem Vater nicht besonders viel Respekt entgegen brachten. Dann war da ein Haus, welches zwar noch nicht abbezahlt war, was man sich aber gut leisten konnte, da seine Tätigkeit als Lehrer am Gymnasium das Auskommen gut sicherte. Klingt nicht ganz so toll? J.P.G. hatte das auch erkannt.

An diesem 2. Mai war er seinen üblichen Weg zur Arbeit geschlendert und der Blick viel auf ein Schild:

Wir informieren
unsere geschätzte Kundschaft,
dass wir die bekannte Pariser Maniküre,
Madame Mado,
engagiert haben.

Es konnte nur die eine Mado sein: die Mado aus seiner Vergangenheit. Damals, als er kein ganz so solides Leben führte. Ein Leben, welches ihm eine Verurteilung wegen Mord einbrachte. Mado, die ihn befreite und zum Ausbrecher machte, und ihm mit einem neuen Namen versah.

Diese Mado, die er schon lange aus seinem Gedächtnis gestrichen hatte, macht ihn erneut zum Ausbrecher.

Deutschsprachige Ausgaben

3 Ausgaben - erste Ausgabe: 1979 - letzte Ausgabe: 1992

1979

Der Ausbrecher
Diogenes
Übersetzung: Erika Tophoven-Schöningh

1981

Der Ausbrecher
Diogenes (detebe 135/XXV)
Übersetzung: Erika Tophoven-Schöningh

1992

Der Ausbrecher
Diogenes (detebe 20686)
Übersetzung: Erika Tophoven-Schöningh

Cinema & TV

Für dieses Werk liegen keine Informationen über Verfilmungen vor.

Hörspiele & -bücher

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