Bestandsaufnahme Frankreichs - Wenn die Krise vorbei sein wird

In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts befand sich Frankreich in einer tiefen Krise und Simenon untersuchte die Symptome dieser Krise in Frankreich. Dabei macht er Beobachtungen, die uns heute noch Gültigkeit haben.

Über die Story


Wenn man in dieser Reportage Simenon bestimmte Wörter durch ein paar andere ersetzen würde, Jahreszahlen modernisieren, Francs-Beträge in Euro-Beträge wechseln und die Bezüge zum ersten Weltkrieg durch Hinweise auf den 11. September austauschen würde, man hätte vom Inhalt her schon eine aktuelle Reportage. Diese erstaunliche Erkenntnisse überkam mich beim erneuten Lesen der Reportage über die Zustände Frankreichs in den dreißiger Jahren, in denen sich Frankreich in einer tiefen Krise befand.

Ein paar Argumente sprechen allerdings gegen die Annahme, dass man mit einem solchen Text heute in einer Tageszeitung oder einem Wochen-Magazin irgendetwas werden könnte. Da wäre zum einen die recht blumige Sprache von Simenon, die heute in diesem Genre nicht mehr gefragt ist. Einige wahllos herausgepickte Floskeln:

Ich kenne einen jungen Mann…
Simenon erzählt dann über einen junge Mann, den er vielleicht mal kennen gelernt hat, vielleicht aber auch nicht. Freimütig gibt Simenon zu, dass er sich durchaus das Recht nimmt, die Erfahrungen von verschiedenen Personen zu einer einzigen zusammenzufassen – also unterschiedliche Lebensläufe mit auch verschiedenen Aspekten. Es ist wirklich schwer vorstellbar, dass einem ein Chefredakteur heute eine solche Geschichte abnehmen würde, wenn wir ein paar existierende Lügenblätter (die durchaus eine große Auflage haben) aus dieser Betrachtung heraushalten. Zumindest als Reportage dürfte es der Text dann ziemlich schwer haben.

Das können Sie mir glauben…
Das war einer der Sätze, die mich immer wieder schmunzeln ließen. Simenon streut in den Text immer wieder solche Bemerkungen ein, um seinen Text glaubhafter zu machen. Und man fragt sich unwillkürlich warum. Eine Vermutung könnte sein, dass der Journalismus zur damaligen Zeit völlig verlogen war. Aber dann wäre der Trick ziemlich durchsichtig. Außerdem macht doch solch eine Bemerkung den Leser vielleicht noch skeptischer. Wenn man dann noch liest:

Ich gebe mein Ehrenwort drauf.

fällt einem als Leser der heutigen Zeit überhaupt nichts mehr ein. Das liegt übrigens auch daran, dass Simenon seine Behauptungen selten mit Namen und Zahlen untermauert. Wir bekommen in heutigen Reportagen gesagt

Hans Maier hat am 8. Januar festgestellt, dass sein Einkommen von 8.000 Euro um 50% auf 4000 Euro gesunken ist und macht dafür nur den Chef der Edelmetall & Edelkrebse GmbH in Schönau am Inn verantwortlich.

beispielsweise, und haben damit das Gefühl, dass wir, wenn wir bei Hans Maier anrufen, er uns die Zahlen bestätigen würde – wenn nicht, hat halt der Journalist gelogen. In den Texten von heute stehen zahllose Fakten, die uns hilfreich sein können, uns trotzdem oft an der Wirklichkeit vorbeilotsen. Dagegen wirkt ein Ehrenwort-Versprechen in einem solchen Text ziemlich niedlich.

Ich werde Ihnen eine kleine Geschichte erzählen.
Uns darf heutzutage durchaus eine Geschichte erzählt werden, aber es darf doch nicht so publik gemacht werden. Heute denkt sich ein Journalist auch Namen (Hannes J. aus X. an der S.), aber ich habe in der letzten Zeit selten Beiträge gelesen, die dann konstruiert wurden von Simenon.

Die angeführten Beispiele sind hier übrigens keine Kritikpunkte an der Reportage. Sie sollen nur darstellen, warum auf den heutigen Leser diese Reportage etwas altbacken wirkt. Denn was Simemon schreibt, bringt gut herüber, wie die Krise zu verstehen ist und interessanterweise, ich habe es oben angedeutet, zeigt es auch, wie die Krisen heute noch entstehen und wie sie wirken. Daraus selbst sich schließen, dass wir als Gemeinschaft nichts hinzugelernt haben und es lässt den pessimistischen Schluss zu, wohl auch nichts dazulernen wollen. Der Auslöser war die nackte Gier einiger Herrschaften und die Unfähigkeit von denen, die meinen sie hätten die Weisheit in Sachen Wirtschaft gepachtet. Diese Faktoren in Kombination mit unfähigen Politikern führen immer in eine Krise.

Simenon ist für diese Reportage nach eigenen Aussagen längere Zeit durch Frankreich gereist und hat Fabriken besucht, mit Bauern gesprochen, Arbeitslose begleitet. Er beobachtet die Leute und stellte fest, dass Krise durchaus nicht Krise ist. Denn einige Bereiche hatten die Krise nicht erfasst. Interessanterweise, und das war ein Bereich, den Simenon mit Zahlen unterfütterte, waren die Bodenpreise für landwirtschaftliche Nutzung nicht um einen Deut gesunken, während Immobilien aus dem Bereich »Herrenhaus & Schlösser« einem hinterher geschmissen wurden.

Nicht zu vergessen: Er zeigt in seinem Text die Konsequenzen der Globalisierung auf, die damals schon wirkten, nur nicht so genannt worden sind. Für Frankreich kam damals die Technologie schon aus den USA, nur wurden viele Produkte nicht in Fernost produziert, wie das heute der Fall ist, sondern in Tschechien – billige Löhne lockten und der Transportweg war nicht so weit.

Diese Reportage, die Mitte der dreißiger Jahre entstand, enthält übrigens auch ein paar Worte zum Deutschland der damaligen Zeit. Nach Meinung von Simenon hat die soziale Situation von Millionen Menschen, diese Hitler in die Arme getrieben hätte und äußert seine Sorge, dass dies kein gutes Ende nehmen würde.

Vielleicht wäre der Text nur halb so interessant gewesen, wenn wir nicht gerade aus einem Jahrzehnt kommen würden, welches mindestens zwei Krisen durchlebt hat. Für Pessimisten könnte der Text die Bestätigung sein, dass nichts besser wird. Für Optimisten ist es die Bestätigung, dass die Krisenauslöser immerhin moderner werden und sich nicht technischen Gegebenheiten anzupassen wissen.

Deutschsprachige Ausgaben

Eine Ausgabe

1984

Bestandsaufnahme Frankreichs - Wenn die Krise vorbei sein wird
in »Zahltag in einer Bank«
Diogenes (detebe 21224)
Übersetzung: Guy Montag

Cinema & TV

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Hörspiele & -bücher

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