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Wie zwei Fremde

Freunde kann man sich aussuchen, Verwandte nicht. Von seinem Ehepartner kann man sich scheiden lassen, die Verwandten bleiben einem erhalten. Darüber war schon so manch einer unglücklich. Simenon verehrte seinen Vater, zu seiner Mutter hatte er allerdings ein sehr zwiespältiges Verhältnis.

(Fortsetzung)

Kontakt

Der Kontakt zu seiner Mutter war nach seinem Weggang aus Lüttich locker: Simenon lebte in anderen Ländern, umgab sich mit einem anderen Menschenschlag. Schließlich waren auch die Entfernungen, die heute relativ nah erscheinen, in einer Zeit da wir mit Autos und Billigfliegern gesegnet sind, bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts Weltreisen. Eine Reise von Lüttich in die Vendée – das war schon was. Eine Reise mit dem Flugzeug nach Amerika, um den Sohn zu besuchen – nicht viele aus der Generation Henriettes dürften das erlebt haben. Aber auch wenn sie in Lüttich in ihrer eigenen Umgebung lebte, so gab es Kontakt mit ihrem Sohn. Er schrieb ihr Briefe, wenn gleich, wie er bekennt, nicht oft, da er sich nicht als guten Briefeschreiber bezeichnete

»Ich weiß nicht, ob die Briefe noch existieren, aber ich habe allen Grund anzunehmen, dass sie steif und geschraubt, ohne rechten Schwung waren…«

um im Anschluss die Begründung mitzuliefern, warum das so war:

»... denn wir waren niemals wirklich vertraut miteinander.«

War er in Lüttich, dann besuchte er sie selbstverständlich und bei offiziellen Anlässen war Henriette Simenon als Mutter des Schriftstellers mit zugegegen.

Gedankenlos

Bestimmte Gedanken sollte man nur denken, andere Gedanken sollte man nicht einmal haben. So meinte sie einmal zu ihrem ältesten Sohn:

»Wie traurig, Georges, dass gerade Christian sterben musste!«

Ich würde mich als erstes fragen, statt wem… aber ist das gerecht?

Simenon hatte sich diese Frage auch gestellt und kommt zu dem Schluss, dass seine Mutter es sich gewünscht hätte, wenn er zuerst verschieden wäre. Mit diesem Gedanken ist ein solcher Satz wenig mütterlich.

Vielleicht ist es ein Irrtum, mit einem »aber« oder einem »statt wem« zu denken. Wäre es nicht angemessen, zu betrachten, unter welchen Umständen Simenons Bruder ums Leben kam. Im Krieg sterben viele Leute. Wenn sich jetzt der Satz auf die anderen Soldaten bezöge? Dann wäre auch der darauf ausgesprochene Gedanke von Henriette, dass Christian immer so zärtlich und liebevoll gewesen wäre, zu relativieren. Denn Simenon stellt ihn so dar, als hätte seine Mutter unterstellt, dass er nicht liebevoll gewesen wäre oder ihr es nicht gezeigt hätte .

Nun gibt es von Simenon in dem Brief keine Andeutungen, dass es Christian in seiner Beziehung zu seiner Mutter besser ergangen wäre.  Hat er sie vielleicht Mama genannt oder auf ihrem Schoß gesessen? Simenon lässt sich darüber nicht aus. So ist es nur ein Gedankenspiel und ob die Worte von Henriette so gemeint gewesen waren, wie sie ihr Sohn interpretiert hatte, bleibt ungewiss.

Starrsinn

Henriette mochte schwach und zerbrechlich wirken, aber schon früh hatte sie es gelernt sich durchzusetzen. Désiré ihr erster Ehemann war passiv, seine Ruhe ging ihm über alles und sich in den Vordergrund zu spielen, war ihm fremd. Letztere Eigenschaft findet man auch bei Henriette nicht. Allerdings lag es ihr nicht, sich bevormunden zu lassen. Ein Beispiel dafür ist die eher komische Episode, in der Denyse – Simenons zweite Ehefrau – versuchte, ein altes und schäbiges Korsett ihrer Schwiegermutter zu beseitigen, diese sich das schon entsorgte gute Stück aber aus der Mülltonne wiederholte, immer und immer wieder.

Simenon hatte die Vorstellung, dass es gut wäre, wenn er seine Mutter zu sich in die Nähe von Epalinges, dem Wohnsitz der Simenons in den sechziger Jahren, holen würde. Das lehnte sie rundherum ab, sie wollte in kein Altersheim. Auch seine Vorschläge, eine Gesellschafterin einzustellen oder in ihrem Haus in Lüttich ein Bad einzubauen, lehnte sie strikt ab. Nur einen Fernseher akzeptierte sie nach langem Zureden (und genoss ihn, wie Simenon anmerkte). Nach der ersten Operation, die Henriette noch ein paar Monate schenken sollte, setzte Georges durch, dass sie in ein Heim käme und sorgte dafür, dass ihre Unterkunft mit einem kleinen Salon und einem eigenen Bad ausgestattet wurde. Dankbar war Henriette, wie man sich denken kann, nicht. Letztlich ist hier die eine wie die andere Warte verständlich. Man verpflanzt keine alten Menschen auf seine alten Tage in eine neue Umgebung. Ein Arzt hatte Simenon angekündigt, dass dies nicht gut für seine Mutter wäre. Letztlich stirbt der Mensch dann auch an seiner Entwurzelung. Simenon dagegen hatte die beste Pflege und das Wohlergehen seiner Mutter im Sinn. Leider korrespondiert das nicht immer miteinander.

Die zweite Ehe

Simenon spricht von der Erfüllung von Mädchen und Frauenträumen, wenn er von der zweiten Ehe seiner Mutter spricht. Für ihn war es selbstverständlich, dass seine Mutter Witwe war.

»Ich gestehe, dass mich das im ersten Moment schockierte. Ich hatte mir eine solche Verehrung für meinen Vater bewahrt, dass ich gar nicht an die Möglichkeit dachte, du könntest einen Ersatz für ihn suchen.«

Endlich, meinte Simenon, hätte seine Mutter die Pension in Aussicht gehabt, die sie so lang ersehnt hatte. Anfangs schien alles in bester Ordnung zu sein. Henriette Brüll lernte die Welt kennen, fuhr nach London und Nizza – alles mit Hilfe von Monsieur Andrés Freikilometern der Bahn. Das Leben sollte nicht so schön sein. Bald kehrte Misstrauen ein. Ein Misstrauen, dass Simenon literarisch sehr gut und brillant in dem Roman »Die Katze« verwertet hatte. Der neue Ehemann von Henriette verdächtigte sie, ihn nur geheiratet zu haben, um an seine Pension zu kommen und nun auf seinen Tod zu warten. Man ging dazu über, nur noch über Zettel miteinander zu kommunizieren.

»Jeder hatte Angst, dass der andere ihn vergiften könnte. Das war zu einer fixen Idee geworden.«

Keiner kam auf die Idee sich scheiden zu lassen. Für Henriette hieß es einfach nur durchzuhalten, sie hatte ihre Ziele noch immer erreicht. Simenon war darüber empört, dass sie sich nicht ganz von dem Namen ihres ersten Mannes löste, sie unterschrieb ihre Dokumente mit Madame André Simenon. (Vielleicht liegt ja auch der Gedanke nah, dass es ihr nicht um den Namen des ersten Mannes ging, sondern darum, dass ihr Sohn es war, der ihn berühmt gemacht hatte?)
Eines Tages fiel ihr Ehemann einfach so um, gefällt wie einst Désiré und die Zeit der Unannehmlichkeiten war vorbei. Aber sein Ärger darüber, dass seine Mutter den Namen von Désirés Familie während ihrer Ehe mit Père André behielt, sollte nicht der einzige für Georges bleiben. Viel mehr regte sich Simenon über das Ansinnen seiner Mutter auf, sich in der Gruft von Père André und seiner Frau beerdigen zu lassen. In ihm keimte die Frage auf, ob seine Mutter Désiré Simenon wirklich geliebt hatte. Den zweiten Ehemann hatte seine Mutter nicht geliebt, das stand für ihn fest.

Die letzten Absätze Simenons Brief sind recht versöhnlich, wenn dieser letzte Absatz nicht wäre, in dem Simenon noch einmal klar macht, wie er über seine Mutter denkt:

»Zwischen uns beiden war nur ein dünner Faden. Dieser Faden war dein leidenschaftlicher Wille, gut zu sein: zu den anderen, aber vielleicht vor allem zu dir selber.«

Die Beziehung zwischen Simenon und seiner Mutter mag das Werk des Schriftstellers sehr bereichert haben – glücklich machte die Beziehung beide nicht. Sie blieben sich ein Leben lang fremd: Misstrauen ist kein guter Beziehungsklebstoff.  Man wünscht keinem eine solche Mutter-Kind-Beziehung.

Vieles von dem, was man bei Simenon lesen kann, weckt keine Sympathie für Henriette. Leider kann man die Frau nicht endgültig beurteilen, denn einen Brief an ihren Sohn, der veröffentlicht wurde, gibt es nicht und somit hatte sie keine Möglichkeit, ihre Beziehung zu Georges zu schildern. Wären sie nicht miteinander verwandt gewesen, hätte jeder schnell seinen eigenen Weg beschritten. So klebten sie über den Faden »Verwandtschaft« aneinander.

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War es der 12. oder war es der 13.? Diese Frage wird sich wohl nicht klären lassen. Offiziell ist es der 12. Februar, das ist das Datum, das Désiré Simenon im Standesamt hat eintragen lassen. Der Geborerene, zwar dabei gewesen, aber nicht als Zeuge taugend, gab andere Geschichten zum Besten.

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Erstellt: 11.10.2008

Letzte Änderung: 11.10.2008