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Unstet

Nimmt man es genau, so schrieb Simenon nur über Orte, die er schon einmal gesehen hat. Was wäre uns entgangen, wenn er nicht so häufig gereist und umgezogen wäre? Auch die dreißiger Jahre verbrachte er recht stets auf der Suche nach einer Heimat. Im Anmarsch: Der Krieg und das erste Kind.

(Fortsetzung)

Was die Wohnverhältnisse anging, so lief es nicht ganz so günstig für die Simenons. Sie hatten sich in La Richardière verliebt und auch schon einiges an Geld in das Landschloss investiert, immer in der Hoffnung, diesen Komplex kaufen zu dürvfen. Im Frühjahr 1934 lief der Mietvertrag aus und der Besizter hatte nicht nur keine Lust, ihnen das Objekt zu verkaufen, schlimmer noch, er dachte nicht einmal daran, den Mietvertrag zu verlängern. Dies war wirklich ein herber Schlag für die Simenons.

Simenon charterte nun ein Boot im Mittelmeer und sie verbrachten das Jahr auf dem Mittelmeer. Die anschließende Heimsuche brachte die Simenons wiederum in einer Schloss namens »Château de la Cour-Dieu«. So richtig glücklich wurden sie aber in ihrem neuen Heim nicht, so dass sie 1935 (nach einer achtmonatigen Weltreise) sich eine Wohnung in Paris suchten und im September 1935 an den Boulevard Richard-Wallace in Neuilly zogen, in eine Wohnung die gegen über dem Bois de Boulogne lag.

Die folgende Zeit kann man als einen ständigen Wechsel zwischen Paris uns anderen Orten zusammenfassen, wobei besonders die Insel Porquerolles als wiederkehrendes Ziel Simenons ins Auge fällt.

Simenon hatte das Gefühl, sein Leben gut geplant zu haben. Das bei dieser Planbarkeit sicher seine Frau Régine einen großen Anteil hatte, kann man sich ganz gut vorstellen. So wagte er sogar eine Prophezeiung, die man selbst aus jahrzehntelanger Distanz als sehr gewagt bezeichnen kann. Er spekulierte darauf, dass er spätestens 1947 den Nobelpreis für Literatur erhalten würde. Damit, obwohl immer wieder als Kandidat gehandelt, sollte er sich nicht nur im Jahr vertun sondern mit der Tatsache ansich. An der Stelle soll nicht darüber spekuliert werden, ob er ihn verdient hätte oder nicht. Vermutlich ist es aber keine gute Idee, darüber zu spekulieren wann man einen bestimmten Preis bekommt.

In einer anderen Zeit hatte Simenon Artikel geschrieben, die nicht gerade in Ruhmesblatt für sein Werk gewesen sind. Dabei sei beispielsweise an die antisemitischen Artikel erinnert, die man im gnädigsten Fall als Jugendsünden durchgehen lassen kann. Auf der Guthaben-Seite soll vermerkt sein, dass der eigentlich gänzlich unpolitische Mensch Simenon in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre der Organisation »sans haine« beitrat, die sich dem Pazifismus verschrieben hat.

Simenon betrachtete die politische Entwicklung in Europa sehr skepitsch und mit großem Unbehagen. Auch dies war ein Grund, dass es in die Region Charente-Maritime (La Rochelle) zurückzog. Denn Simenon war der Meinung, dass es gefährlich wäre, in einer Großstadt zu leben, wenn ein Krieg ausbrechen würde - die Bomber über Lüttich waren ihm wohl noch in Erinnerung, genauso wie die deutschen Besatzer. Außerdem verband er mit Krieg Hunger und meinte, dass ihn Hunger, Besatzung und Bomber auf dem Land nicht so leicht treffen würde. Bei einem Aufenthalt in der Nähe von La Richardière erfuhren sie von einem Freund, dass ein Haus in der Nähe zu verkaufen wäre. Das wäre Haus, welches ein alter Mann verkaufte, lag in Nieul-sur-Mer und war wesentlich kleiner als das vorher bewohnte Schloss, aber das Grundstück reichte auch bis zum Meer.

1938 kam es zur Sudetenkrise. Deutschland war davor, in den Krieg mit der Tschechoslowakei um das sudetendeutschen Gebiet zu gehen. Europaweit wurde das Schlimmste befürchtet. In Belgien kam es zu einer Mobilmachung, zu der auch Reservisten einberufen wurden, wie zum Beispiel Simenon. Dieser fuhr mit Tigy, die schon schwanger war, zurück nach Brüssel. Durch das Münchner Abkommen (ein insoweit interessantes Abkommen, da drei Unbeteiligte die Zustimmung dafür gaben, dass einem vierten etwas geklaut wird - das sollte sich im Zivilleben mal jemand erlauben) entspannte die Situation für einige Zeit wieder und gab Hitler Zeit weiter aufzurüsten und seine Pläne schmieden.

Alsbald sollte Simenon wieder in Richtung Brüssel aufbrechen.

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Artikelhistorie

Ein Belgier erobert Paris

Sie haben nicht auf ihn gewartet: Jeden Tag kamen an den Bahnhöfen von Paris Menschen an, die ihr Glück in der Stadt versuchen wollten. Wie Simenon es selbst in seinen Romanen beschrieb, waren es oft Leute aus dem Norden: Polen, Deutsche und halt auch Belgier. Wie Simenon, der am 14. Dezember 1922 in Paris eintraf.

Souvenirs

208 Seiten für Tigy. Das dürfte ein Rekord sein, auch wenn fairerweise anmerken muss, dass es sich bei dem Buch über Tigy auch um ein Buch von Tigy handelt. Die Frau Simenons, von der man nicht das Gefühl hat, dass sie sich in den Vordergrund gedrängelt hat (es gab da ja auch andere), hat ihre Erinnerungen geschrieben, die jetzt im Gallimard-Verlag (November 2004) veröffentlicht worden sind. Herausgegeben und zusammengestellt wurde das Buch von der Enkelin Régine Simenons (geborene Renchon), Diane Simenon (soweit ich sehe die Tochter von Marc).

La Richardière

Oft tauchen wir an diesen Orten unvorbereitet auf. Ein Name. Eine Idee. Ein Zufall. Das Wetter hatte uns in die Gegend »getrieben« und warum nicht das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden. Zwei Fakten hatten wir: Marsilly und La Richardière. Im Zeitalter von Navis und Internet sollte das genug sein.

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Erstellt: 02.11.2008

Letzte Änderung: 30.04.2009