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Profiliert

Maigret war nicht das erste Gewohnheitstier in der Kriminalgeschichte, aber wohl das erste Gewohnheitstier, was sich als Kriminaler in Paris niedergelassen hat. Ein kleines (Täter-)Profil.

(Fortsetzung)

Aber auch bezüglich der Wohnung lässt Simenon keine Unklarheit aus. In der Erzählung »Madame Maigrets Liebhaber« steht zum Beispiel: So begann der Kommissar in all den Jahren, die sie schon an der Place des Vosges wohnten, im Sommer bereits auf den ersten Stufen der Treppe, die vom Hof hinaufführte, den Knoten seiner dunklen Krawatte zu lösen, wofür er meistens bis in den ersten Stock brauchte. Über die wichtige Information hinaus, dass Maigret dunkle Krawatten trägt, erfährt der geneigte Leser, dass er im zweiten Stock wohnte. Die Sache hat nur einen kleinen Schönheitsfehler: der Place des Vosges liegt zwar nicht sehr weit vom Boulevard Richard Lenoir entfernt, aber er liegt halt nicht an diesem. Unerschöpfliches Reservoir, um solche Unklarheiten zu erklären, beseitigen oder zu entschuldigen, die die Erzählung »Maigrets Memoiren«. Maigret äußerst folgendes zu dem Thema:

»Place des Vosges«.
Und ich kann mich eines Lächelns der Genugtuung nicht erwehren, denn es beweist, dass auch sie gewisse Dinge zu berichtigen hat, eine Kleinigkeit jedenfalls, und das aus dem gleichen Grund wie ich: aus Treue.(»sie« ist Madame Maigret)
Bei ihr ist es die Treue zu unserer Wohnung am Boulevard Richard-Lenoir. Wir haben sie nie aufgegeben, wir behalten sie, auch wenn wir sie nur ein paar Tage im Jahr benutzen, seitdem wir auf dem Land leben.
In mehreren seiner Bücher lässt Simenon uns an der Place des Vosges wohnen, ohne dies auch nur im geringsten zu erklären.

Nachfolgend stellt Maigret klar, dass sie nur ein paar Monate am Place des Vosges gewohnt hätten, dies aber nur, weil der Vermieter ihr Haus renovieren ließ. Da sich die Bauarbeiten aufgrund eines Streikes ewig hinzogen, bot ihnen Simenon (!) an, in seiner Abwesenheit – er unternahm eine »Expedition« nach Afrika – bei ihm zu wohnen. Die genaue Adresse: Place des Vosges 21.

Aber auch diese Klarstellung hat ihre Tücken. Beim Schreiben von »Maigrets Memoiren« vergaß Simenon wohl seine fünf Jahre alte Erzählung»Maigret regt sich auf«, in der Maigret schon zwei Jahre im Ruhestand ist und trotzdem eine Wohnung am Place des Vosges hat. Aber so wichtig ist es ja auch nicht, oder doch?

Hat Maigret überhaupt mal Freizeit? Eine gute Frage. Wenn Maigret zu Hause ist, so ist meist die Rede davon, dass er entweder Radio hört oder er seine Frau ins Kino einlädt. Dabei zeigt er eine ausgesprochene Vorliebe für Krimis und Gangsterfilme, wenn er den Film nicht verschläft.

In späteren Jahren gab es dann auch Fernsehen. Hierzu steht in der Erzählung »Maigret und der Messerstecher«:

Am [Im] Fernsehen im ersten Programm lief eine Gesangsrevue, und die Sängerinnen und Sänger traten gleich dutzendweise auf. Maigret konnte das nicht leiden. Im zweiten kam ein alter amerikanischer Film mit Gary Cooper; das wollten Maigret und seine Frau schon eher ansehen.

In »Maigret und der Samstagsklient» berichtet Simenon zum Thema Fernseher, dass man sich in früheren Zeiten beim Abendbrot gegenüber gesessen hat, die Anschaffung des Fernsehers die Sitzordnung aber verändert habe, da weder der eine noch die andere gewillt waren, den Kopf zum Verfolgen des Programms ständig umzudrehen.

Wenn Maigret auch nicht viel Freizeit hatte, einen guten Freund gönnte Simenon ihm wohl: Dr. Pardon. Der Arzt, aus dem hätte soviel werden können, der aber lieber Allgemeinmediziner in einem der ärmeren Viertel war. Zu ihm werden die Maigrets ungefähr einmal im Monat eingeladen, der Doktor frönt dann seiner Leidenschaft: dem Kochen. Angeboten wird jedes Mal ein Gericht, einer bestimmten regionalen Küche. (Er vergisst aber nie, sich vorher bei den eingeladenen Gästen zu erkundigen, ob sie die »geplanten« Speisen auch mögen.)

Mit Politik hat Maigret nichts am Hut – hier und da ein Fall eines verschwundenen Minister-Bengels (Fälle unter politischer Obhut), aber politische Äußerungen aus dem Munde Maigret sind undenkbar. Vielmehr wird beschrieben, dass sobald sich ein Gespräch in Richtung Politik bewegte, Maigret eine undurchdringliche, fast dümmliche wirkende Miene aufzusetzen pflegte.

Maigret fährt ja nicht, den Führerschein hat seine Frau gemacht. Wenn der Kommissar zum Tatort will, greift er entweder auf die öffentlichen Verkehrsmittel Busse oder Taxis zurück (entweder lässt er sich eines von Madame Maigret rufen oder er geht zum nächsten Taxistand) oder er benutzt einen Dienstwagen. Bei diesen, in den Romanen immer als »schwarze Wagen« geschilderten Autos, handelt es sich um den Renault 4 CV, der wie der Käfer von Volkswagen von Ferdinand Porsche konstruiert wurde. Im Volksmund wurde der Wagen »Crèmeschnittchen« genannt, er war einer der wenigen Viertürer der damaligen Zeit. Die französische Polizei war damals ganz pfiffig: sie baute die Vordertüren des Renaults aus und versah sie mit Ketten, damit die Flics nicht aus den Autos fielen. So waren sie in der Lage während der Fahrt auf Verfolgte zu schießen.*

Ganz glatt ging es mit der Karriere des Kommissars nicht. Nach der Zusammenlegung von Kriminalpolizei und Sûreté fiel Maigret in Ungnade und wurde nach Luçon versetzt. Die Wohnung in Paris behielt er in der Zeit, aber auch Madame Maigret wohnte während dieser Zeit in Luçon in einer kleinen Mietwohnung.

Ein kleiner Sprung in Richtung »Ende der Laufbahn«: Drei Jahre vor der Pensionierung wird Maigret der Posten des Direktor der Kriminalpolizei angeboten. Zur Überraschung des Polizeipräsidenten – in seiner Folge wohl auch des Innenministers – lehnt Maigret ab (»Maigret und Monsieur Charles«). Er will nicht Tag für Tag mit Papierkram kämpfen, sondern lieber Verdächtige verhören und Ermittlungen auf der Straße und in den Bistros führen. Maigret ist mit seinem Posten als Chef der Kriminalbrigade absolut zufrieden.

Auch die ehrenamtlichen Tätigkeiten des Kommissars sollen nicht verschwiegen werden: eine zeit lang ist Maigret Vizepräsident des Polizeihilfswerks.

Ein harter Schlag ist aber die Heraufsetzung des Pensionsalters. Als Maigret 63 Jahre alt ist – er hätte zu diesem Zeitpunkt noch zwei Jahre zu arbeiten gehabt – wird die Pensionsgrenze auf 68 Jahre erhöht (Quelle: »Maigret und der Messerstecher«).

Allerdings ist sich Simenon nicht an jedem Tage treu. In der Erzählung »Maigret und der Fall Nahour« wird Maigret hartnäckig als Chef der Kriminalpolizei tituliert. Vielleicht ist dies auch nur ein Übersetzungsfehler. Maigret ist viele Jahre lang Chef der Sonderbrigade bzw. der Mordkommission der Pariser Kriminalpolizei. Seine Polizeimarkennummer ist die 0004 (die 1 war dem Präfekten, die 2 dem Direktor der Kriminalpolizei und die 3 dem Chef des Nachrichtendienstes vorbehalten).

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Meung-sur-Loire

Zuallererst: man muss nicht nach Meung-sur-Loire fahren, es ist nicht das hübsche Städtchen, das man Maigret für seinen Ruhestand gewünscht hat. Ich glaube auch nicht, dass es in den letzten Jahren an Charme verloren hat, es ist einfach einer dieser Orte, die nie Charme hatten.

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Erstellt: 01.12.2007

Letzte Änderung: 25.09.2008