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Man kann mit Simenon in Gedanken in die Normandie reisen. Gibt man sich das Vergnügen, Spuren aus den Geschichten in der Realität zu suchen, wird man des öfteren enttäuscht (wie meistens), kann aber auch Überraschungen erleben. Einen Versuch war es wert ...
(Fortsetzung)
Jeder Ort an der Küste scheint sein eigenes Kasino zu haben. Fécamp hatte seines – Madame Maigret schlägt in einer hochnotpeinlichen Situation vor, dieses aufzusuchen, hat mit ihrem Vorschlag bei den Anwesenden aber keine Chance und kann deshalb auch nicht das folgende Drama verhindern.
Yport war nie mit dem Zug erreichbar. Meine erste Begegnung mit dem Ort hatte ich anlässlich der Fahrt nach Étretat. Während dieses Aufenthaltes hatte ich mich auf eine Wanderung von Étretat nach Yport begeben. Eine schöne Tour.
Dieses Jahr verbrachte ich längere Zeit an diesem Ort, es war in unserem Urlaub das »Hauptquartier«.
Simenon erwähnte in der Geschichte der Neufundlandfahrer-Affäre, dass Yport aus ein paar Fischerhäuschen, ein paar verstreuten Bauerngehöften und Urlaubsvillen bestehen würde, ein Hotel gäbe es auch.
Die Fischer sind verschwunden, die Bauern auch. Geblieben sind die Touristen, gekommen ist ein Campingplatz und die Anzahl der Hotels hat sich erhöht, aber nur geringfügig.
Yport ist ein kleiner Ort geblieben, durchzogen von kleinen Gassen, die mit dem Auto kaum befahrbar sind. In der Ferienzeit wirkt der Ort überfüllt, einstige Fischerdorfatmosphäre lässt sich dort genauso wenig atmen, wie in dem ehemals beschaulichen St. Tropez auf der anderen Seite Frankreichs.
Wie Maigret nach Yport kam, verschweigt Simenon. Ging er zu Fuß, so hätte er zwei Möglichkeiten gehabt: am Strand, was sicher sehr schön gewesen wäre, aber durch den Kieselstrand auch sehr mühsam und aufgrund der Gezeiten auch nicht sehr sicher; oder er wählte auf seinem Weg zum Hauptmaschinisten den sicheren Landweg, der aber sehr bergig ist und sehr anstrengend gewesen wäre. Vermutlich hat Maigret, nachdem er die Wegbeschreibung bekommen hatte, einfach ein Taxi genommen.
Eine Berühmtheit kann man sie nicht nennen, aber sie hat Yport zumindest im Simenon-Freundeskreis eine gewisse Bekanntheit verliehen: Rose. Sie war das Dienstmädchen von Madame Besson aus Étretat und verstarb, weil sie von der Medizin ihrer Madame genascht hatte. Die Madame wandte sich persönlich an Kommissar Maigret, nachdem sie ihn am Quai des Orfèvres aufgesucht hatte und bat ihn, den Fall in seine Hände zu nehmen.
Calvados bestimmt den Roman um den Mord an dem Dienstmädchen. Stetig nimmt der Kommissar ein Gläschen zu sich, wird von Madame Besson regelrecht mit dem Apfelschnaps betäubt.
Dass der Ort damals, der Roman entstand Anfang der fünfziger Jahre, schon vom Tourismus lebte, kann man spüren. Die Hotels schließen, wenn die Saison vorbei ist, der Ort verwaist. Étretat gibt sich mondän, keine Frage.
An so einem Ort fühlte sich die Aufsteigerin Besson wohl. Wohlhabende machten hier Urlaub, hatten in dem Ort ihren Ferienwohnsitz. Aber es waren nicht die Reichen. So wurde die alte Dame vielleicht nicht daran erinnert, dass sie einmal sehr reich gewesen war und »nicht nur« wohlhabend. Das Schloss war weg. Das Haus - »La Bicoque« genannt - lag am Hang und man musste bergauf gehen, um Madame Besson zu erreichen.
Maigret war das egal. Er musste Ermittlungen führen und nahm dabei zur Kenntnis, dass Madame Besson in Étretat geschätzt wurde und in Yport nicht. Wie sagte der Kollege vor Ort, Inspektor Castaing: Étretat ist nicht Yport.
Mich brachte nicht diese Geschichte nach Étretat, sondern – wie viele andere Touristen auch – der Reiz, den Falaise d’Amont zu besichtigen. Ich sah diesen Kreidefelsen auf dem Buchumschlag eines Frankreich-Baedecker und sagte mir, dass muss man gesehen haben. Diese erste Tour absolvierte ich als Rucksack-Tourist, allerdings zog ich Pensionen und Hotels irgendwelchen Jugendherbergen oder gar Campingplätzen vor und landete bei einer netten, alten Dame, die mich besonders umhegte. Seitdem kehrte ich immer wieder auf einen Sprung in dieses Städtchen ein, meist in früher Morgenstunde, zu der man den Reiz der Felsen fast allein genießen kann. Dass ich damit die Reisezeitpläne jedesmal durcheinander brachte, soll nicht verschwiegen werden – ich bleibe dabei, der Blick auf die Felsen lohnt.
In der Feriensaison ist kein Durchkommen und ich kann mir nicht vorstellen, dass man sich den Trubel antun möchte. Von den drei größten, bisher erwähnten Orten, Dieppe, Fécamp und Étretat, ist letzterer sicher der Touristischste.
Man könnte annehmen, dass mich meine Tour von Étretat weiter nach Le Havre geführt hätte. Leider kann ich mich nicht entsinnen, wie ich damals zu meinem nächsten Ziel gelangte. Auf meiner Rucksackreise werde ich den Weg beschritten haben, vielleicht mit dem Bus, sicher nicht mit der Bahn, denn Étretat hat keinen Bahnanschluss mehr.
Eine Autofahrt zu einem späteren Zeitpunkt, die uns durch Le Havre führte, ist mir in besserer Erinnerung. Es war während der Ferienzeit und wir fuhren am Strand der Stadt entlang. Mir kam es vor, als wären wir an der Côte d’Azur. Das überraschte mich aus zwei Gründen: das Wetter in der Normandie ist für einen Badeurlaub sehr unzuverlässig und der größte Teil von Le Havre ist ohne Charme. Die Stadt wurde im Krieg schwer zerstört und musste – ähnlich wie Caen – neu aufgebaut werden. So hat Le Havre einen Stadtkern, der von Bauten aus den fünfziger und sechziger Jahren geprägt ist. Bei sonnigem Wetter mag das zu ertragen sein, bei miesem regnerischen Wetter sieht das gewiss sehr trübselig aus.
Trübselig schien auch das Leben von Maletras zu sein. Der Mann war einmal erfolgreich gewesen und hatte nach dem Verkauf seines Lebenswerkes viel Geld. Mit dem Verkauf seiner Firma waren ihm seine Lebensziele abhanden gekommen. Seine letzten großen Projekte waren ein Hausbau und die Heirat einer gleichaltrigen Frau. Eine reine Zweckehe: Er wollte ein großes Haus bauen und nicht allein darin leben. Von Liebe keine Spur, in dieser Beziehung zählten andere Werte: Maletras und seine Frau brauchten jemand, der sich im Notfall um die Medikamente kümmerte.
Um nicht gänzlich der Langeweile zu verfallen, kaufte sich der Rentner in ein Geschäft ein, das in finanziellen Schwierigkeiten steckte und »gab« den Geschäftsführer. Zusätzliche Abwechslung verschaffte ihm kurzzeitig eine Geliebte, der er von seinem Reichtum und Status nichts erzählte. Dass sie es erfuhr, war unabweichlich, denn die Bekanntheit Maletras ließ sich nicht mit gesellschaftlicher Geheimniskrämerei vereinbaren. Damit begann eine Serie von Ärgernissen, die darin gipfelte, dass Maletras seine Geliebte umbrachte und nun eine Leiche und einen Mitwisser am Hals hatte.
Man ist geneigt anzunehmen, dass die Geschichte für Simenon vor dem zweiten Weltkrieg spielt. Hätte er um die Modernität der Stadt gewusst, denke ich, wäre sie im Zusammenhang mit dem älter werdenden Maletras und seiner Lebensbilanz sicher erwähnt worden.
In Le Havre entsteht zur Zeit ein neues Gebäude – hoch und über die Stadtsilhouette hinausragend: eine Kirche. Zumindest an diesem Aspekt hätte Maletras seine helle Freude gehabt.
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Erstellt: 11.10.2008
Letzte Änderung: 07.12.2008
Dieppe
Wenn etwas absolut trügerisch ist, so ist es die eigene Erinnerung. Hat man es nicht sofort aufgeschrieben und sicher verstaut, ist der Augenblick vorbei und verloren. Versucht man dann später aufzuschreiben, was passiert ist, klaffen erhebliche Lücken. Diese kann man versuchen durch »vielleicht« und »nach meiner Erinnerung« zu kitten, Einsprengsel, die Indiz dafür sind, dass sich der Schreibende nicht mehr recht erinnert. Mir geht es nicht anders.