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Lakeville

Glück ist immer relativ: Simenon sollte auch nach dem Leben auf der Shadow Rock Farm beruflich erfolgreich sein. Was das familiäre Glück jedoch betraf, begannen schwierige Zeiten. Ein Abriss über die letzten wirklich glücklichen Jahre Simenons, Besuche in Europa und den ersten Brüchen.

Vielleicht kann man sagen, dass sich die Situation 1952 in Europa schon entspannt hat. Im Frühjahr diesen Jahres kehrte Simenon reisten Simenon und seine Frau das erste Mal zurück nach Frankreich. Sie hatten eine Passage auf einem Schiff gebucht und sollen sich, wenn man seinen Biographen glauben darf, auf der Überfahrt nicht gelangweilt haben. Gewiss war Denyse überrascht gewesen, denn der Empfang, der Simenon in Europa bereitet wurde, war überwältigend. Schon in England kamen Journalisten an Bord. Als der Fährzug in Paris eintraf, hatten sich dort eine große Menschenmenge versammelt, darunter auch seine alten Verleger. Sein neuer Verleger war auch mit von der Partie, was fast selbstverständlich war, da Sven Nielsen von Presses de la Cité die Reise zu bezahlen hatte. Es gab ein Treffen, mit alten Freunden, beispielsweise Jean Gabin, Marcel Pagnol und Fernandel.

Ein großes Ereignis war die Verleihung der silbernen Dienstmarke der Pariser Polizei, die Simenon für seinen Kommissar Maigret erhielt. Heute würde es einen nicht wundern, aber für damalige Zeiten gewiss überraschend, Simenon wurde die ganze Zeit von der Polizei überwacht, da man aufgrund seines Erfolges und Wohlstandes fürchtete, dass er oder seine Familie entführt werden könnte.

Sieben seiner Bücher in der Amerika-Zeit erreichten Auflagen zwischen 400.000 und 700.000 Exemplaren - ein eindeutiges Indiz für den anhaltenden Erfolg. (Vielleicht hat das Simenon ein wenig darüber hinweg getröstet, dass es mit dem Nobelpreis für Literatur überhaupt nicht klappen wollte.)

Von Frankreich ging es in Richtung Belgien, Lüttich stand natürlich als großer Punkt auf der Agenda. Dort sollte es nach 14 Jahren zu einer Begegnung mit seiner Mutter kommen. Rechnet man kurz zurück, so stellt man fest, dass die letzte Begegnung mit Simenons Mutter vor dem zweiten Weltkrieg stattgefunden und der Auswanderung in die USA stattgefunden hatte.

Den ersten Besuch tätigte Simenon allein, denn er wollte erst einmal das Terrain treffen. Zuviel hatte sich geändert, neue Frau, neues Kind, viel Rummel. Simenon war von diesem Treffen mit seiner Mutter sehr gerührt.

Sollte sogar etwas wie Begeisterung aufgekommen sein, was man sich bei dem schwierigen und distanzierten Verhältnis der beiden schwer vorstellen kann, so dürfte diese schon am darauffolgenden Tag erloschen sein. Denn Henriette und Denyse verstanden sich auf Anhieb überhaupt nicht. Besser wurde es auch nicht, als Denyse bei einem Bankett der Stadt Lüttich, nachdem sie festgestellt hatte, dass die Organisatoren geplant hatten, Simenon neben seine Mutter zu setzen, die Tischkarten tauschte. Diese Episode war Simenon ziemlich peinlich. Ein weiterer Grund das Bankett frühzeitig zu verlassen, war seine Verwandtschaft, die man aus diesem Anlass eingeladen hatte. Zum einen erkannte er sie gar nicht und hatte keine Beziehung zu den Leuten, zum anderen waren Leute drunter, die die Familie seiner Mutter in den Ruin getrieben haben. Wenn man sich an die Geschichten nach dem Tod Simenons Vaters erinnert, hat sich damals so mancher nicht mit Ruhm bekleckert.

Da ging ihm doch sein Begegnung mit Joseph Demarteau III. viel näher. Dieser hatte die Gefangenschaft in einem Konzentrationslager überlebt und war wieder Herausgeber der »Gazette de Liège«. Simenon betonte bei der Gelegenheit, dass er wüsste, wie viel er dem Verleger zu verdanken habe und äußerte seine Vermutung, dass er ohne diese Patenschaft gewiss auf Abwege geraten wäre.

Ein Höhepunkt der Europareise war gewiss die Aufnahme in die belgische Académie Royale am 30. Mai 1952. Auch wenn nicht überliefert ist, dass sich Simenon nochmals hätte bei einer solchen Gelegenheit hätte blicken lassen. Unter den vielen Terminen auf dieser Reise gab es auch einen Termin, der nach Ansicht seines Biographen Marnham recht bizarr war: Simenon durfte/musste/konnte einen Kranz am Kriegerdenkmal in Lüttich niederlegen. Das war gerade angesichts des nicht unproblematischen Verhaltens Simenons im zweiten Weltkrieg und des ganz und gar kritisch zu sehenden Verhaltens seines Bruders mehr als unpassend.

Vielleicht hatte Simenon seine Mutter in Lüttich überzeugt, vielleicht ja auch später. Im Herbst des Jahres trat Henriette Simenon eine Reise in Richtung USA an. Die Vorzeichen standen nach der ersten Begegnung mit Denyse sowieso nicht unter einem guten Stern, aber manchmal ist man ja der Meinung, es kann eigentlich nur besser werden - so hat Simenon wohl auch gedacht. Was für ein Irrtum.

Es ging schon damit los, dass Henriette Simenon die Fahrkarte in der ersten Klasse gegen eine der minderen Kategorie eingetauscht hatte. Normalerweise würde man sich vielleicht für ein so denkwürdiges Ereignis ein wenig schick machen. nicht so Henriette Simenon, die in Amerika mit ihren ältesten Kleidern ankam, die sie hatte. Die von Denyse gekauften neuen Kleider verschmähte Henriette und bekannt ist die Geschichte, die sich um ein abgewetztes Korsett drehte, dass Denyse in die Mülltonne warf und welches sich ihre Schwiegermutter dann wieder aus der Mülltonne fischte.

Diese Episode könnte man noch als Schrulle beider Damen durchgehen lassen, aber ein anderen Punkt muss man gewiss ander gewichten: »Welch ein Jammer«, so sagte Henriette zweimal in der Zeit, »dass es Christian war, der sterben musste. Er hatte solches Genie!« Nun mochte ihr Christian näher gestanden haben, auch als Mutter sind einem gewisse Vorlieben erlaubt, aber sie sollten nicht in der Form artikuliert werden und es ist schon zweifelhaft, was für ein Genie es gewesen war, welches Christian Simenon trieb.

Auf der Rückreise aus Europa wurde Marie-Georges (Marie-Jo) gezeugt, die am 23. Februar 1953 auf die Welt kam. Simenon hat sich über die Kleine sehr gefreut. Offen gab er zu, dass sie von Anfang an eine besondere Beziehung hatten - eine Beziehung, die allerdings nicht glücklich enden sollte.

Marc war auch schon größer geworden, lebte immer noch bei seiner Mutter und war nicht glücklich mit dem Beruf seines Vaters. Offenbar wurde »Schriftsteller« bei seinem Schulkameraden nicht als richtiger Beruf angesehen, selbst wenn es sich bei dem Schriftsteller um einen erfolgreichen und wohlhabenden Mann handelt. Ein weiteres Ärgernis war, dass sich Simenon nicht mehr so häufig bei Marc blicken ließ, was auf Denyse geschoben wird. In wie weit das korrekt ist, kann von außerhalb nicht beurteilt wird. Aber Marc emanzipierte sich von seinem Vater und damit ging eine weitere Emanzipation einher, denn Boule sah es nicht mehr als notwendig an, sich um den kleinen Monsieur Simenon zu kümmern und wollte in Simenons Haushalt zurückkehren.

Tigy war das nicht recht, aber es gab keinen Passus in irgend einem Vertrag, der dies verhindert hätte. So kehrte Boule zurück und alsbald nahmen die beiden ihre Beziehung wieder auf.

1954 war Simenon nochmal in Europa, diesmal auf Einladung seines britischen Verlegers um seine Romane zu promoten.

Simenon hatte schon länger mit dem Gedanken geliebäugelt, die amerikanische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Er fühlte sich den Werten dieses Landes verbunden und bewunderte das Leben, wie sie es die Amerikaner führten. Sein Antrag für die Staatsbürgerschaft fiel in den Beginn der McCarthy-Ära. Mit Abscheu betrachtete Simenon die Entwicklung, die Verhöre und Strafen für Schriftsteller und entschloss sich schlussendlich, seinen Antrag zurückzuziehen und Belgier zu bleiben.

Es gab vielleicht noch einen anderen Aspekt, der Simenon bewog, von diesem Vorhaben zurückzutreten. Denyse veränderte sich. Sie erzählte Geschichten, die nicht stimmen konnten, und einige Verhaltensweisen waren recht merkwürdig. Simenon gelang zu der Überzeugung, dass eine Rückkehr nach Europa Denyse auf andere Gedanken bringen würde und dass es ihr gut tun könnte, an dem Ruhm von Simenon, den er in Europa genoss, teilzuhaben.

So packte man wieder Koffer und der Tross zog zurück nach Europa.

 

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Artikelhistorie

Souvenirs

208 Seiten für Tigy. Das dürfte ein Rekord sein, auch wenn fairerweise anmerken muss, dass es sich bei dem Buch über Tigy auch um ein Buch von Tigy handelt. Die Frau Simenons, von der man nicht das Gefühl hat, dass sie sich in den Vordergrund gedrängelt hat (es gab da ja auch andere), hat ihre Erinnerungen geschrieben, die jetzt im Gallimard-Verlag (November 2004) veröffentlicht worden sind. Herausgegeben und zusammengestellt wurde das Buch von der Enkelin Régine Simenons (geborene Renchon), Diane Simenon (soweit ich sehe die Tochter von Marc).

Neuanfang

Ein neues Land, neue Gewohnheiten, eine neue Sprache und eine neue Frau. Simenon reist nach und durch Amerika, unstet wie immer, begibt sich in eine ungewisse und komplizierte Beziehung. Am Anfang war natürlich nur Sonnenschein. Simenon zeigt neue, nicht unbedingt positive Seiten.

Fortsetzung der Krise

Simenon suchte Wege, seine Frau aufzuheitern. Eine Chance sah er in der Rückkehr nach Europa, aber es wurde nicht besser sondern immer schlimmer. So begann sich bedingungslose Liebe in bedingungslosen Hass zu wandeln. Interessanterweise merkte man es den Romanen nicht an.

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Erstellt: 13.12.2008

Letzte Änderung: 13.12.2008