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Frauengeschichten

Sind die Non-Maigrets von Simenon reine Männergeschichten? Auf den ersten Blick schon, so dass sich ein zweiter Blick auf prägnante Gestalten auf die Geschichten und Simenons Frauenbild geworfen werden soll.

(Fortsetzung)

Die Hexe

Eine ebenfalls recht junge und emanzipierte Dame findet sich in »Das Haus am Kanal«. Mit Edmée, sechzehn Jahre alt, tritt eine Person auf das Handlungsparkett, welche nicht die einzige »böse« Frau in dem Simenonschen Universum ist, aber durch ihr Alter sicher einzigartig. Betrachtet man die Männer, die sich fragwürdig verhalten, so kann man beobachten, dass diese meistens die Sache selbst in die Hand nehmen. Edmée beschränkt sich darauf, Männer zu verwerflichen Handlungen anzustiften. Die Zwischenüberschrift »Die Hexe« trifft es ganz gut, ist aber nicht auf meinem »Mist« gewachsen: Es ist der Titel der ersten deutschen Ausgabe dieses Romans.

Der Roman beginnt damit, dass Edmée nach Neroteren zu Verwandten fährt, die sie in ihre Obhut nehmen. Ihr Vater ist gerade verstorben, und als sie bei ihren Verwandten in der flämischen Provinz eintrifft, ist dort tragischerweise ihr Onkel nach einem Unfall verschieden. In dieses Wirrwarr tritt Edmée, die ganz anders als ihre Tante und deren Töchter ist, und um ihre Wirkung (reine Haut, städtisches Benehmen) auf ihre Cousins und die weitere Umgebung weiß. Obwohl in der Situation jeder mit anpacken muss, fühlt sich die junge Brüsselerin wie ein Pensionsgast und führt sich auch so auf. Während Fred, der Älteste und damit auch das neue Familienoberhaupt, sie anfangs ignoriert, fühlt sich Jef gleich zu Edmée hingezogen. Seine Chancen bei dem Mädchen stehen ausgesprochen schlecht: Der junge Mann ist hässlich und eigenbrötlerisch. Dafür kennt er die Ländereien in- und auswendig und ist die eigentlich führende Hand auf dem Hof. Edmée schließt sich Jef an und lungert bei ihm herum, während er seine täglichen Arbeiten verrichtet. Sie bekommt mit, wie er Eichhörnchen tötet und ist von diesem Vorgang absolut fasziniert. Sie fordert ihn auf, diese Tiere für sie zu töten. Wohlwissend, was sie sagt, erwähnt sie auch, dass sie nur für Jemanden zu haben sei, der etwas für sie riskiert, beispielsweise Schmuck aus der Kirche stiehlt. Das Ganze hat eine erpresserische Note, da Edmée genau weiß, dass Jef alles für sie tun würde – und es auch tut.

In dieser Entwicklung spielt Fred noch keine Rolle. Der ist mit seinen Mädchen in der Stadt beschäftigt, in der er den großen Mann spielt und ganz nebenbei die Familie in den wirtschaftlichen Ruin treibt. Sein Interesse an Edmée erwacht erst, als er merkt, dass er sie nicht einfach so haben kann, wie er es eigentlich gewohnt ist. An dieser Stelle müsste eigentlich ein ähnlicher Handlungsmechanismus greifen, wie man ihn auch in »Die Marie vom Hafen« kennt: Der Mann gibt sich alle Mühe das Mädchen zu erobern und zeigt sich dazu von seiner besten Seite, das Mädchen hält sich weiterhin zurück.
Ersteres tritt auch ein: Fred zeigt sich von seiner besten Seite – allerdings nur in der Zeit, die er im eigenen Haus verbringt. Edmée dagegen fängt an, Fred gefallen zu wollen. Sie bewirtet ihn in seinem Heim und löst damit große Verwunderung aus. Ausgerechnet sie, die bislang keinen Finger im Haushalt gerührt hat, sich vor jeder Arbeit gedrückt hat, fängt an Fred zu bekochen. Andererseits rennt sie Fred auch in der Stadt nach, folgt ihm in die Lokalitäten, in denen er sich mit anderen Frauen trifft und die eine Heranwachsende meiden sollte.

Will man es zusammenfassen, so beschreibt Simenon in diesem Roman, wie zwei recht unsympathische Figuren zusammenfinden. Edmée ist das Kontrastprogramm zu Marie. Sie ist vollkommen egoistisch, nicht anpassungswillig und darauf bedacht, andere Menschen auszunutzen. Sie betrachtet die Leute, die sie aufgenommen und ihr ein Heim gegeben haben, mit Abscheu und schaut auf sie herab. Wie die Faust aufs Auge passt zu Edmée der Spruch »Hochmut kommt vor dem Fall«.

Ein ganz eigener Fall

Die beiden zuletzt erwähnten Romane lassen sich gut in ein Schwarz-Weiß-Schema pressen: Marie die Gute, Edmée die Böse.

Mit »Betty« tut man sich da etwas schwerer. Der Roman ist, so finde ich, sehr interessant angelegt. Zuerst wird der tiefe Fall von Betty präsentiert. Der Leser weiß noch gar nicht, was die junge Frau in diese Situation gebracht hat. Sie ist in einer Bar, in die sie nicht hineingehört, die aber nicht von Leuten frequentiert wird, die ärmlich sind. Es ist viel mehr ein Ort, an dem man trotz Geld unglücklich (und beziehungsweise oder glücklich) sein darf.

Betty hatte einiges hinter sich. Man erfährt, dass sie sich seit Tagen nicht mehr gewaschen hat und ihre Strümpfe haben Laufmaschen. Einer Frau, die sich durch solch ein Missgeschick genervt fühlt, kann es vor einiger Zeit noch nicht allzu schlecht gegangen sein. An diesem Abend betrinkt sie sich in der Bar hoffnungslos und wird von Laure, einem Stammgast, gerettet. Sie nimmt Betty mit zu sich ins Hotel, sorgt dafür, dass sie ein Zimmer neben dem ihren bekommt und versorgt sie. Sie verschwendet keinen Gedanken daran, ob sich die junge Frau diese Unterkunft überhaupt leisten kann. Ohne großen Kommentar nimmt sie Betty unter ihre Fittiche. Nachdem diese ihren Rausch ausgeschlafen hat, erfährt man, wie sich Betty in diese Lage gebracht hat. Aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammen, hatte sich der Sohn eines Generals in sie verliebt und sie geheiratet. Damit beginnt für die zierliche Betty ein langweiliges Leben. Sie hat Kinder zu gebären, um deren »Aufzucht« kümmert sich ein Kindermädchen.

Betty langweilt sich fürchterlich und flüchtet sich in Bars und Kneipen, in denen sie einen Musiker kennenlernt. Sie beginnt ein Liebesverhältnis mit ihm, dem sie in seiner Wohnung nachgehen. Eines Abends, die Schwiegermutter ist mit Bettys Mann ins Theater gegangen, kommt die junge Frau auf die Idee, ihren Liebhaber zu sich nach Hause einzuladen. Sie wähnt sich sicher: Das Kindermädchen ist schon in seinem Zimmer, die Kinder schlafen und so würde ihr Liebesspiel im Wohnzimmer nichts stören.

Ein fataler Irrtum wie sich kurz darauf herausstellt, denn ihr Mann kommt mit seiner Mutter unverhofft früh zurück. Die Überraschung ist beidseitig. Damit ist allerdings war Bettys großbürgerliche Karriere beendet. Sie muss alle Ansprüche an den Kindern abtreten und wird abgefunden.

Zu außerehelichen Affären kann man stehen wie man will, ihnen im eigenen Haushalt nachzugehen, zeigt aber eine gewisse selbstzerstörerische Tendenz. Betty muss klar gewesen sein, dass eine Affäre von der Familie ihres Mannes nicht toleriert werden würde. Hätte ein Freund Bettys Ehemann davon berichtet, er hätte Betty an merkwürdigen Orten mit fremden Männern getroffen, wäre es gut vorstellbar, dass der Ehemann ein Auge zugedrückt hätte – gibt doch Betty selbst an, dass ihr Mann ihr zugetan sei. Solche Kompromisse kann er selbstverständlich nicht eingehen, wenn er seine Frau im Beisein seiner Mutter beim Liebesakt im heimischen Wohnzimmer entdeckt. Von einer solchen Kompromissbereitschaft (geschweige denn von Verständnis) sollte man auch in der heutigen Zeit nicht ausgehen. Über den Vertrauensbruch hinaus stellt dieses Verhalten auch eine grobe Beleidigung der Beziehung und, vielleicht unbewusst, eine Herabsetzung der großbürgerlichen Familie, ihres Lebensstils und ihrer Werte dar.

Ein Erklärungsversuch wird in dem Roman geliefert: Bettys Mutter hatte vieles für »schmutzig« erklärt und mit ihrem Sauberkeitsfimmel Ehemann und Tochter traktiert. Eine in Bettys Elternhaus gefallene Bemerkung der Mutter, dass die Schürze des Vaters vor Schmutz stehen würde, hatte dafür gesorgt, dass sie sich mit ihrem Vater solidarisierte. »Betty wollte schmutzig sein, um so zu sein wie ihr Vater.« Der äußerliche Schmutz, der störte sie als Erwachsene, wie schon erwähnt. Mit der Ethik sah es nicht ganz so sauber aus, hier hatte Betty immer noch das Bedürfnis schmutzig zu sein. Während man die Geschichte ihres Werdegangs nachvollzieht, bahnt sich schon die nächste schmutzige Geschichte an. Laure, Bettys helfende Hand, pflegt ein Verhältnis mit Mario, dem Besitzer der Bar, und Betty kennt keine Scham und verführt Mario, wohlwissend, dass sie genausogut Laure hinterrücks erdolchen könnte. Mitleid hat man dann nicht mehr.

Damals, heute

Die Geschichte von Marie lässt sich nicht einfach auf die heutige Zeit übertragen – das funktioniert nicht, da Mädchen heute mit 18 Jahren eine andere gesellschaftliche Stellung haben als vor achtzig Jahren. Sie sind volljährig und dürfen über ihr Leben voll und ganz bestimmen. Dass es in der Realität ein wenig anders aussehen mag, liegt aber mehr an wirtschaftlichen und emotionalen Abhängigkeiten denn an gesellschaftlichen Vorgaben. Auch das Schicksal der zwei Jahre jüngeren Edmée lässt sich nicht ohne weiteres in die heutige Zeit übertragen. Es ist auch heute noch gang und gäbe, beim Tod der Eltern die Vormundschaft für Minderjährige auf die nahe Verwandtschaft zu übertragen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass diese die Kinder nicht unbedingt in ein Internat abschieben, aber es dürfte heute nicht mehr erwartet werden, dass das Mündel auf dem Hof mitarbeitet oder für den Lebensunterhalt der Familie sorgt. Die Geschichte um Betty dagegen ist zeitlos: Auch heute gibt es noch Personen – egal ob männlichen oder weiblichen Geschlechts – die sich moralisch sehr fragwürdig verhalten. Das Hintergehen von Menschen, die einen lieben und schützen, ist mit den Jahren nicht aus der Mode gekommen. Es gelten immer noch gewisse Standards in den Familien, und so gibt es weiterhin die sogenannten »Schwarzen Schafe«, auf die mit scheelen Augen geblickt wird.

So ist auch heute noch ein Schicksal wie das von Jeanne Martineau gut vorstellbar, die in jungen Jahren die Familie verlassen hat, auch, weil sie sich deren Wertevorstellungen nicht unterwerfen wollte. Dass eine solche Frau dann nach Jahren wieder in die Heimat zurückkehrt und eine Situation vorfindet, wie in »Tante Jeanne« geschildert – warum nicht? Das liegt für mich nicht außerhalb des Vorstellbaren.

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Meinungen

Artikelhistorie

Cherchez la femme!

Frauen spielen als Hauptpersonen im Werk von Simenon eine untergeordnete Rolle – das mag erstaunen, aber wenn man sich durch das Werk des Schriftstellers gelesen hat, bleibt einem nichts anderes, als diese Feststellen. Nur zwei schafften es in den Titel: Betty und Tante Jeanne.

Vier Frauen

Simenon kolportierte, es wären zehntausend Frauen gewesen. Darauf soll nicht näher eingegangen werden, sie können ihm kaum wichtig gewesen sein: Geprägt wurde sein Leben von vier Frauen, die an dieser Stelle ausführlich vorgestellt werden sollen.

kein Avatar

Die Hauptfigur in der “Witwe Couderc” ist wieder wie fast immer bei Simenon ein Mann, Jean.Dieser hat eine unerledigte Schuld-Sühne-Problematik in seiner Vorgeschichte und sucht erst einmal nach der Entlassung Ruhe,Unterschlupf und Versorgung gegen Arbeit.Eigentlich banal.Und dann wiederholt sich alles, Liebe zu einer jungen Frau, die er nicht leben darf. Er, der sein Leben ein “Looser” war, gibt auf und der Amoklauf mit Fremd- und Selbstaggression ( wie wir ihn immer wieder in der Presse lesen können )ist das letzte Aufbäumen als Befreiungsschlag gegen das Leben. Er besäuft sich, lässt sich damit von den Gendarmen aufsammeln und geht wohl der Todesstrafe entgegen, die er nach seinem Gefühl bei der ersten Tat schon wollte. Todesstrafe als Ersatz für den eigenen Freitod, für den er zu schwach ist. Die Witwe Couderc ist dabei nur das auswechselbare Opfer oder Ziel oder das Mittel zum eigenen biographischen Ende der tragischen männlichen Hauptfigur. Damit bleibt sich Simenon treu und es ist eine wieder “Männergeschichte”

hawegr am 09.11.2009

Was meinen Sie?

Erstellt: 11.06.2008

Letzte Änderung: 25.09.2008