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Erste Gehversuche

Der Journalismus ist der Wahrheit verpflichtet. So halten es viele Journalisten. Die, die es nicht so damit haben, sollten vielleicht Schriftsteller werden. So wie Georges Simenon, der seine Stärken eindeutig im Fiktionalen sah. Erst nahm er sich die Kurzgeschichte als literarische Form vor, dann den Roman. Erste Gehversuche eines Schriftstellers.

Der Erfolg seiner Kolumnen in der Gazette de Liège ließen Simenon auf seine eigentliche Berufung schauen und das war die Fiktion. Im Mai 1920 erschienen in der Zeitungen Kurzgeschichten von ihm, die allesamt einen satirischen Einschlag hatten. Offenbar war das Echo auf die Geschichten positiv. Zumindest bestärkte ihn die Veröffentlichung der Geschichten darin, einen Roman zu schreiben.

Dieser sollte unter dem Namen »Au pont des arches« erscheinen. Es ging um eine Apotheke, die sich darauf spezialisierte hatte, eine Abführmittel für Tauben herzustellen. Ehrlich gesagt: Würde mir heute jemand ein Buch mit dieser Handlung in die Hand drücken und erzählten, er hätte ein Buch mit diesem Thema geschrieben, ich würde ihn für verrückt erklären. Auch damals kam das Thema nicht so gut an. Simenon fand keinen Verleger dafür, dann aber einen Drucker, der bereit war, das Buch zu drucken, wenn Simenon dafür 300 Abnehmer finden würde. Mit seinen Verbindungen quer durch die Stadt fiel ihm das wohl nicht so schwer. »Au pont des arches« enthielt Illustrationen von befreundeten Malern und dürfte heute ganz gut bei EBay gehen.

Angestachelt durch den Erfolg, den er mit seinem Erstling hatte, machte sich Simenon daran, einen weiteren Roman zu schreiben. Dieser wurde wohl geschrieben kam aber nie auf den freien Markt. Simenon hatte den Entwurf seines Romans seinem Vorgesetzten Joseph Demarteau III. in die Hand gedrückt. Der hatte mit seiner Nachsicht, die er gegenüber Simenon hegte, über die Anspielung in dem Erstling hinweg gesehen (und nicht nur das: er war auch Abnehmer des Buches), wollte sich das aber mit dem neuen Buch von Simenon nicht erlauben. Simenon schrieb in »Jehan Pinaguet« über einen Priester, der wegen Ketzerei und Trunksucht entlassen wurde. Das war kein Thema, dass der Star-Journalist einer ultrakatholischen Zeitung veröffentlichen sollte.

Der Fertigstellung bis zum heutigen Tag harrt das Werk »Bouton de col«, das Simenon zusammen mit seinem Freund H.J. Moers schrieb. Dabei handelte es sich um eine Parodie auf Detektivgeschichten im Stile von Doyles Sherlock Holmes-Geschichten.

Dann kam mal was ganz Neues, und Henriette Simenon zuckte zusammen, als die das Ergebnis sah bzw. las und meinte, sie müsste sich dafür schämen. Ein rumänischer Investor kam in die Stadt und hatte Geld in den Taschen, um eine neue Zeitschrift auf den Markt zu bringen. Ein Freund von Simenon, Ferdinand Deblauwe, trat an den Gazette-Journalisten heran und fragte, ob er nicht für die neue Zeitschrift namens Nanesse schreiben möchte. Er würde doppelt soviel verdienen wie bei der altehrwürdigen Zeitung. Simenon war Feuer und Flamme. In der Zeitschrift sollten alte Rechnungen, unter anderem die des rumänischen Investors beglichen werden, und Simenon machte sich gleich frohgemut ans Werk. Der Erfolg der Zeitschrift in Lüttich war überragend. Allerdings mochten nicht alle die Artikel über sich lesen. Wieder trat Demarteau III. auf den Plan und bat seinen Angestellten, sich zurückzuziehen. Ein weiser Rat, denn der Investor zog sich alsbald zurück, seine Ziele hatte er mit der Zeitschrift wohl erreicht; und die Zeitschrift entwickelte sich zu einer Erpresser-Zeitschrift. Marnham stellt dazu fest, dass es wohl die einzige Zeitschrift in Europa und Amerika war, die es schaffte, zwei Chefredakteure zu haben, die später wegen Mordes verurteilt wurden.

Demarteau brachte Simenon also auf den rechten Weg. Aber es gab noch jemand, der etwas mehr Struktur in das Leben des jungen Simenons brachte: Am Silvesterabend des Jahres 1920 fiel er im Haus eines Freundes Régine Renchon vor die Füße. Und damit seiner späteren Frau.

Simeon mochte mit dem Namen Régine nicht leben und benannte seine Freundin um: Tigy war der Name, den er ihr verpasste, und mit dem sie bekannt wurde. Sie war Malerin, war drei Jahre älter und einiges mehr reifer als Simenon. Tigy war der festen Überzeugung, dass sie die erste Liebe Simenons gewesen wäre. Simenon schildert dies distanzierter:

War es die erste Liebe? Ich glaube nicht. Ich glaube nicht einmal, dass ich wirklich in sie verliebt war, und ich bin mir dessen fast sicher. Es war kein Gefühl des Verliebtseins, aber ich suchte ihre Gesellschaft.

Andererseits beschreibt Simenon an anderer Stelle, wie er mit steifgefrorenen Fingern jeden Morgen Liebesbriefe an Tigy schrieb. Wozu denn diese Mühe, wenn da nicht eine gewisse Verliebtheit gewesen wäre.

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Artikelhistorie

Meister gesucht!

Was willst'e denn werden? Die Frage dürften auch den jungen Sim genervt haben. Wie schon beim der Gymnasiums-Auswahl war es auch hier die Mutter, die den ersten Beruf für Simenon aussuchte: Nach ihrem Willen würde er als Konditor glücklich werden. Wenn das geworden wäre, hätten wir heute vielleicht eine weltberühmte Tarte Maigret und würden den Kommissar missen.

Souvenirs

208 Seiten für Tigy. Das dürfte ein Rekord sein, auch wenn fairerweise anmerken muss, dass es sich bei dem Buch über Tigy auch um ein Buch von Tigy handelt. Die Frau Simenons, von der man nicht das Gefühl hat, dass sie sich in den Vordergrund gedrängelt hat (es gab da ja auch andere), hat ihre Erinnerungen geschrieben, die jetzt im Gallimard-Verlag (November 2004) veröffentlicht worden sind. Herausgegeben und zusammengestellt wurde das Buch von der Enkelin Régine Simenons (geborene Renchon), Diane Simenon (soweit ich sehe die Tochter von Marc).

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Erstellt: 22.09.2008

Letzte Änderung: 28.09.2008