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Die fünf Besten

Nirgendwo verrennt man sich schneller als in der Non-Maigret-Welt. Greift man anfangs zum falschen Roman, hat man vielleicht nie wieder Lust, einen Roman dur zur Hand zu nehmen. Hier gibt es Abhilfe!

Warum denn diese blöde Idee mit einer Hit-Liste? Man tut sich jedes mal so schwer damit und wahrscheinlich lässt sich die Liste jeden Tag ändern, weil einem einfällt, dass dieser oder jener Roman ja viel schöner passen würde. Abhängig davon, ob die Sonne scheint oder nicht; ob ein Hund bellt oder eine Möwe kreischt. Listen sind schwierig, wenn sie nicht objektiven Kriterien unterliegen - Geschmack entzieht sich diesem. Aber es soll natürlich trotzdem probiert werden. Die fünf besten Non-Maigret-Geschichten.

Der fremde Vetter
Mit Ausbruch des ersten Weltkrieges war Simenon elf Jahre alt. Lüttich wurde von den Deutschen sofort überrollt und somit dürfte alsbald wieder Normalität eingekehrt sein. Für den jungen Simenon gab es nicht so viele Punkte anzuecken. Kurz vor dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges schrieb er einen Roman, der mich immer noch schwer beeindruckt. Es geht um eine ruhige Familie, die einer ethnischen Minderheit angehört und versucht, in der Stadt, in der sie lebt, nicht anzuecken. Dann kommt ein Mann und stellt sich als Vetter vor, und bittet darum, aufgenommen zu werden. Der fremde Vetter beachtet die Regeln, mit denen die Familie jahrelang durchgekommen nicht. Dann gibt es einen Mord in der Stadt und die Finger der Stadtbewohner zeigen auf die Familie. Steine fliegen. Der Mob tobt.
Simenon beschreibt präzise Mechanismen wie sie seitdem immer wieder passieren, und da muss man auch hierzulande mit dem Finger nicht auf andere Länder zeigen: Rostock und Hoyerswerda sind noch nicht allzu lang her. Wenn ich einen Simenon für den Literaturunterricht empfehlen dürfte, dann wäre dies ein ganz heißer Kandidat.

Die Verlobung des Monsieur Hire
Anfangs hat man mit dem Mann kein Mitleid. Nein, wirklich nicht. Monsieur Hire hat ein wirklich bescheuertes Geschäftsmodell erfunden, mit denen er armen Menschen mit dem Versprechen von Reichtum Geld aus den Taschen zieht. Andererseits ist er ein schüchterner Mensch, der keiner Fliege etwas zu leide tun kann. Trotzdem wird auch er plötzlich des Mordes verdächtigt und gerät in das Visier von Polizei und Massen. Es mag Zufall sein, aber auch in dieser Geschichte spielt der Mob eine gewisse Rolle.
Die Maigrets der damaligen Zeit suchen noch ihre Form. Aber in diesem Roman aus der Frühzeit des Georges Simenon sieht man den Schriftsteller schon in Hochform.

Die Katze
Warum trennen die sich nicht?, fragt man sich manchmal, wenn man Ehepaare im gegenseitigen Umgang betrachtet. Da ist doch nur noch Krieg. Stimmt nicht, wir mögen uns noch. Und vor allem: Warum sollten wir auseinander gehen, wenn wir doch aneinander gewöhnt sind? Hmm, das ist natürlich ein gutes Argument. Ein anderes Argument kann sein: Man darf nicht. Wie zum Beispiel Marguerite und Emile. Sie ist katholisch und denkt gar nicht daran, sich scheiden zu lassen. Das wäre auch ziemliche Niederlage, denn so lang sind die beiden älteren Herrschaften im Katzen-Fall noch nicht miteinander verheiratet. Emile verdächtigte seine Frau, seinen Kater umgebracht zu haben, und rupft daraufhin ihren Papagei. Danach haben die beiden sich nichts mehr zu sagen.
Exakt schildert Simenon den Kleinkrieg zwischen den beiden Alten, und zeigt uns, dass es mit der Altersweisheit manchmal nicht allzu weit her ist.

Die Fantome des Hutmachers
In La Rochelle geht die Angst um. Frauen, anscheinend wahllos, werden ermordet. Der Schneider weiß mehr, aber er kann es nicht preisgeben. So steckt der Mann in einer schrecklichen Zwickmühle: Der Hutmacher, der Mörder, ist einer der Geachteten in der Stadt. Keiner würde dem armen Schneider glauben, der noch ausländischer Herkunft ist, wenn er seinen Nachbarn anzeigen würde. Schlimmer noch, er muss um sein Leben fürchten, da sein furchtbarer Nachbar erkannt hatte, dass der Schneider Bescheid wusste.
Man stelle sich den Nebel vor, ein wenig Nieselregen dazu und ein kalter Wind vom Atlantik. Dann die stillen, wenig beleuchteten Gassen und man kann in die Atmosphäre La Rochelles und die Nöte des Schneiders eintauchen.

Monsieur La Souris
Irgendwie fand ich diesen Roman amüsant. Für Monsieur La Souris sah die Sache natürlich ein wenig anders aus. Denn zum Einen ist es kein Vergnügen, wenn einem als Türöffner von Limousinen plötzlich ein toter Fahrgast entgegensackt. Schon aus dem einfachen Grund, da es von diesem kein Trinkgeld geben wird, ganz zu schweigen von dem ganzen bürokratischem Krams der auf so ein Malheur folgt. In diesem besonderen Fall sah es anfangs gar nicht mal so übel aus, weil er ein kleines Paket übernehmen konnte. Aber bald hängt ihm eine menschliche Kette namens Lognon an den Fersen und macht dem Clochard das Leben schwer. Der Weg zum Reichtum ist halt doch nicht so einfach.

 

Meinungen

Artikelhistorie

Gast-Kommentator

Hallo mein lieber Maigret

Ja, ok, mit diesen fünf kann ich leben. Zu diesem Thema hatten wir ja schon endlose Diskussionen auf dem QdO.
Aber bei den ‘Finger weg!’ bin ich gar nicht deiner Meinung.

Gruss
Janvier

Janvier am 04.12.2008

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Erstellt: 11.06.2008

Letzte Änderung: 24.09.2008