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Altern im Unglück

Was nützt der berufliche Erfolg, wenn das Privatleben keine Erfüllung bringt: die Frau war Weg, geblieben war nur Hass, der in der Öffentlichkeit ausgetragen wurde; die Tochter liebte einen abgöttisch und verursachte damit neue Probleme. Der Maigret-Autor schien irgendwie merkwürdig zu sein.

Auf die Frage, ob sein Vater die letzten Jahre glücklich gewesen wäre, antwortete Johnny Simenon, das glaube er nicht. Wenn man dafür Ursachen sucht, muss man tief graben: Was hat Simenon falsch gemacht und wer war Schuld? Heraus kommen nur subjektive Antworten.

So war die Ehe mit Tigy - Régine Renchon - gewiss kein Fehler gewesen. Sie hat ihn an die Hand genommen, und ihm durch ihre Geradlinigkeit sein Erfolg ermöglicht. Simenon selbst war der Meinung, dass sein erster Verleger nicht ganz dran unbeteiligt gewesen war. Auch an dieser Behauptung ist etwas sehr Wahres dran, aber die Frau führte ihn viel länger.

Wenn es nicht Tigy war, so landet man bei Denyse. Aber was heißt schon Schuld? Simenon war die ersten Jahre sehr glücklich und meinte seine wahre Liebe gefunde zu haben, während er Tigy mehr als Gefährtin betrachtete. Zwar hatte sich Denyse zwischen Tigy und Georges gedrängt - aber bitte schön! - es war Georges, der dies zuließ und sich einfangen ließ.

Die Ursache für sein Unglück im Alter liegt bei ihm selbst. Seine Entscheidungen haben zu diesen Resultaten geführt, wenig war fremd bestimmt.

Mitte der sechziger Jahre schwamm Simenon beruflich noch auf der Welle des Erfolgs. Seine Maigrets waren verfilmt worden und bescherten ihm eine ungeheurere Popularität. Simenon war Gewinner der Verbreitung von Film & Fernsehen.

Seine Verleger zeigten sich dankbar und luden ihn zu einem großen Maigret-Fest nach Amsterdam. Warum man nicht drei Jahre wartete und Maigrets 40. Geburtstag feierte, entzieht sich meiner Kenntnis. Die Veranstaltung fand im September 1966 statt und 40 Verleger trafen sich mit Simenon. Man nutzte die Gelegenheit und fuhr gemeinsam nach Delfzijl, wo Simenon bei der Gelegenheit eine Maigret-Statue einweihte und mit vier Maigret-Darstellern posierte.

Nach dem Fest fuhr Simenon zurück in die Schweiz und schrieb »Die Katze«, in der Teile der Beziehung seiner Mutter zu ihrem zweiten Ehemann Joseph André verarbeitete. Ob Henriette sehr glücklich darüber war, dass ihr Sohn wieder einmal ihr Leben verarbeitete, darf bezweifelt werden, zumal Simenon die Geschichte aus der Perspektive des Mannes beschrieb und dieser dabei eine bessere Figur abgab.

Vielleicht hat Simenon ja auch Aspekte aus seiner eigenen Ehe mit Denyse verarbeitet? Freunden gegenüber gab er immer noch vor, ein glücklicher Ehemann in einer großen Familie zu sein. Selbst engsten Freunden gab er nicht bekannt, dass er sich schon vor geraumer Zeit von seiner Frau getrennt hatte und so schrieben manche noch bis zum Jahr 1969 an »Georges und Denise«. Ein wenig Hoffnung war da auf Seiten Simenons wohl - auch wenn diese sich nie erfüllen sollte.

Simenons Mutter hatte große Zweifel am Erfolg ihres Sohnes und als sie ihn in Epalinges besuchte, war sie sehr erstaunt über die Größe des Hauses. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sich ihr Sohn etwas leisten konnte (obwohl sie es mit den Jahren besser wissen sollte). So fragte sie die Angestellten Simenons, ob ihr Sohn hatte viel Kredit hat aufnehmen müssen, um sich das Anwesen zu leisten.

Und es dürfte ein Teil ihrer Revanche gewesen sein, dass sie ihm als das Geld, was er ihr über die Jahr geschickt hatte, zurückgab. Simenon soll darüber gerührt und verärgert gewesen sein. Ein schlechter Sohn war er nicht: Er schrieb regelmäßig Briefe an seine Mutter, in denen er ihr das Neuste aus der Familie bekannt gab. Das diese Briefe keine brünstigen Liebesbeweise gewesen waren, kann man sich gut vorstellen - zum Besten stand es im Verhältnis zwischen Simenon und seiner Mutter nie.

Am 8. Dezember 1970 verstirbt Simenons Mutter. Eine Überraschung war es nicht. Sie war geraume Zeit vorher schon aus ihrem Haus ausgezogen und in einer Altersheim gegangen. Dann erkrankte sie schwer und eine Operation stand an, bei der man Zweifel hatte, ob sie diese lange überstehen würde. So, wie es auch kam. Die letzten Tage war Simenon bei seiner Mutter.

Fast zwei Jahre später, am 8. September 1972, setzte sich Simenon an seinen Schreibtisch, um einen neuen Roman anzufangen. Er sollte »Oscar« oder »Victor« heißen. Nach zwei Tagen stellte Simenon fest, dass es nichts werden würde und beschloss, mit dem Schreiben aufzuhören. Er bestellte einen Redakteur der Lokalzeitung ein, und gab seinen Entschluss bekannt. Als Zeichen, dass es ihm ernst war, ließ er auch den Beruf in seinem Pass ändern. Er war nun ohne Beruf. Nimmt man es genau, dürfte gegen eine Rente mit 69 nichts einzuwenden sein. Wobei das mit der Rente natürlich relativ sein, denn schon bald sollte sich zeigen, dass Simenon andere Wege fand, zu publizieren.

Zu vermerken bleibt aber, dass der Non-Maigret »Doppelleben« und »Maigret und Monsieur Charles« die letzten Romane Simenons sein sollten.

Kurze Zeit später gefiel Simenon sein 30-Zimmer-Haus nicht mehr. Er versuchte es zu verkaufen (was, nach meinen Informationen, bis heute nicht gelungen ist). Er mietete sich eine Acht-Zimmer-Wohnung und zog nach Lausanne. Da er in einer solchen kleinen Wohnung nicht viel Personal benötigte, kündigte er den meisten seiner Angestellten.

Nun hatte Simenon auch an dieser Wohnung nicht lange Freude und so zog er 1973 in ein Häuschen, welches sich unmittelbar unter dem besagten Hochhaus befand. Dort verbrachte er seine Tage bis zu seinem Lebensende.

1974 veröffentlichte er einen »Brief an seine Mutter«, in dem er nicht nur sein Verhältnis zu seiner Mutter verarbeitete und ein beeindruckendes Stück Literatur verfasste, sondern es auch nicht sein lassen konnte, Seitenhiebe in Richtung Denyse - kurz und bündig nur D. genannt - zu verteilen. Mit Denyse verband ihn nichts mehr. Sie bat ihn um Scheidung, aber er willigte nicht ein. Er würde sie, solange sie nicht die Scheidung betreiben würde, weiter versorgen. So blieb Denyse bis zu Simenons Lebensende seine Frau und wurde mit dem gleichen Erb-Anteil bedacht, wie seine Kinder.

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Artikelhistorie

Wie zwei Fremde

Freunde kann man sich aussuchen, Verwandte nicht. Von seinem Ehepartner kann man sich scheiden lassen, die Verwandten bleiben einem erhalten. Darüber war schon so manch einer unglücklich. Simenon verehrte seinen Vater, zu seiner Mutter hatte er allerdings ein sehr zwiespältiges Verhältnis.

Brief an meine Mutter

Für diese Seite sind diese Tage Gold wert. Wann werden solche Tage wiederkommen? Zum 125. Geburtstag, zum 25. Todestag? Um mit einer typischen Floskel zu antworten, die Simenon in seinem Brief an seine Mutter immer wieder verwendet hat: »Ich weiß es nicht.« Es wäre schön, wenn es so bliebe und man weiterhin über die Kleinigkeiten, die das Leben eines Simenon-Freundes beschäftigen können, berichten kann. Möglichst viel.

Fortsetzung der Krise

Simenon suchte Wege, seine Frau aufzuheitern. Eine Chance sah er in der Rückkehr nach Europa, aber es wurde nicht besser sondern immer schlimmer. So begann sich bedingungslose Liebe in bedingungslosen Hass zu wandeln. Interessanterweise merkte man es den Romanen nicht an.

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Erstellt: 17.12.2008

Letzte Änderung: 17.12.2008