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Gemeinsames Lesen: Die Verlobung des Monsieur Hire
Geschrieben: 4. Juli 2011, 06:17 Uhr   [ Ignorieren ]   [ # 8 ]
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Ich bin auch noch bei Kapitel 3 grin

Bemerkenswert fand ich, im Hinblick auf den Schluss des Kapitel, zwei Sachen: Zum Einen die Sache mit dem Taschentuch. Ich fragte mich, wieder einmal wohl, was das denn solle und was er davon hat, dem Mädchen zu suggerieren, dass er noch im Zimmer wäre. Das Aha-Erlebnis kam erst, als sich Hire im Hof befand. Hier wurde ihm klar, dass er gar nicht so unsichtbar war, wie er immer gedacht hatte. Er konnte klar und deutlich sein Taschentuch sehen, wie es in die Nacht leuchtete. Vielleicht hätte sich ihm auch die Frage stellen sollen, wenn das Dienstmädchen mitbekommen hat, dass er dort immer guckte; wer hat es noch mitbekommen.

Wären die Umstände nicht, würde ich sagen, Hire hat sich einen schönen Tag gemacht. Er zog durch die Cafés und Bistros, so einen Tag hätte ich auch mal wieder gern. Unter der Woche aber bitte schön. Dumm nur, dass er weiß, dass er verfolgt wird. Ebenfalls unschön, dass er in einem der Bistros an anhand eines Zeitungsartikels erahnt, was der Grund für die Verfolgung sein könnte.

Erstklassig war die Beschreibung Hires im Laufhaus. Ich kannte den Begriff bis dato gar nicht und dann an einem Tag gleich zweimal. Erst im Buch und dann führte uns am Abend eine Umleitung (ja, wirklich!) durch das Kieler Rotlichtviertel (den einen kurzen Straßenzug) und an einem Haus prangte dieser Begriff auch. Da wusste ich Bescheid. Sonst hätte ich meine Frau fragen müssen… Aber die Beschreibung der Wärme, des Rituals des Badens und das sicher eher nicht ganz übliche Kuscheln - man konnte sich richtig hineinversetzen. Nur: Wenn die Herren vorher gebadet haben, was sicher hygienisch nicht zu beanstanden ist, haben sich die Frauen zu Hause beim Heimkommen nicht gewundert, dass die Herren so wunderbar dufteten?

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Geschrieben: 4. Juli 2011, 09:31 Uhr   [ Ignorieren ]   [ # 9 ]
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@ Oliver: Aber aber was denkst denn du? Ein verheirateter Mann geht doch nicht ins Laufhaus!  smile

@ Michael: Wie wahr, die Polizei steht bis jetzt recht schlecht da. Unser lieber Maigret hätte die Sache ganz anders in die Hand genommen. Ich bin überzeugt, dass Maigret viel Verständnis für M. Hire gehabt hätte.

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Geschrieben: 4. Juli 2011, 21:47 Uhr   [ Ignorieren ]   [ # 10 ]
Polizeihauptmeister
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Kapitel 4

Ein schöner Sonntag verbracht mit Stalking. Stalking mit Einverständnis und vielleicht sogar einem Gewissen Reiz für die Gestalkte wie mir scheint. Ziemlich bizarr. Das ganze scheint fast schon ein Ritual zu sein. Man hat den Eindruck die Sonntage wären nicht nur für das Dienstmädchen mit den immerkehrenden beiden Aktivitäten Fussball und Kino gefüllt, sondern auch ganz selbstverständlich mit der Anwesenheit von Mons. Hire.

Wieso hat eigentlich Sonntags das Lebensmittelgeschäft offen? War das damals üblich oder bin ich nur zu katholisch geprägt aufgewachsen? smile

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Geschrieben: 4. Juli 2011, 22:15 Uhr   [ Ignorieren ]   [ # 11 ]
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Kapitel 4

Nochmals wird einem die Armut und die Kälte im wahrsten Sinne des Wortes bewusst.
‘Es gab immer noch kein Holz in der Wohnung. Das Wasser in der Kanne war mit einer dünnen Eisschicht bedeckt.’
Das muss man sich mal vorstellen!
Und auch die typische Geräuschkulisse eines Sonntags. ‘... schreiende Kinder, die gerade verprügelt wurden.’ Schockiert das nur mich? War das zu jener Zeit wirklich so (oder ist das heute noch so?), dass es ‘normal’ ist, dass in solchen Häusern, solchen Vierteln das Schlagen der Kinder alltäglich ist und das hier so nebenbei erwähnt wird?
Was ich mich frage: warum verfolgt M. Hire das Dienstmädchen und ihren Liebhaber zum Fussballspiel? Ist er wirklich in sie verliebt, oder hat er sich einfach ein bisschen in sie verguckt?
Toll finde ich auch folgende Beschreibung: ‘Und sie [das Dienstmädchen] rundete die Lippen um das Tabakröllchen wie alle, die nur darum rauchen, weil sie es schick finden, und nicht, weil ihnen der Tabak schmeckt.’
Und am Schluss des Kapitels das unheimliche Verhalten M. Hires, als er durch das Schlüsselloch schaut, um zu sehen, wer vor der Tür steht.
PS: Was mich soeben irritierte ist die Tatsache, dass nicht nur M. Hire Filzpantoffeln trägt, sondern auch ich! Das macht mir ein bisschen Angst.

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Geschrieben: 5. Juli 2011, 21:03 Uhr   [ Ignorieren ]   [ # 12 ]
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@Peter: Filzpantoffeln sind nur eine Alterserscheinung, kein Geisteszustand. Du mußt Dir also noch keine Sorgen machen smile
Apropos, wie alt ist eigentlich Hire? Ich kann mich nicht erinnern dazu was gelesen zu haben. Das Mädchen erscheint auf jeden Fall deutlich jünger.


Kapitel 5

Nachdem man bisher Zeit hatte M. Hire und sein Verhalten reichlich seltsam zu finden und fast schon geneigt war sich auf die Seite des Verdachts der Concierge zu stellen,  nimmt die Geschichte nun eine interessante Wendung.
Endlich erfährt man auch ein paar Gefühle von M. Hire: “Er fühlte wie er den Boden unter den Füßen verlor, wie er ins Leere fiel, aber er behielt noch die Kraft, zu erkennen, welche Rolle er da spielte und war sehr unzufrieden mit sich selbst.” Im gesamten Kapitel hat man zum ersten Mal das Gefühl, Hire ist kein Roboter sondern wird auch mal nervös und unsicher.
Wenigstens bleibt er sich in Summe treu und spricht kaum ein Wort.
Welche Rolle er nun wirklich spielt ist mir allerdings noch nicht ganz klar. Versucht das Mädchen nur ihn zu bezirzen um selber Profit daraus zu ziehen, liegt ihr tatsächlich was an Hire oder hat sie noch ganz andere Pläne?
Im Moment tendiere ich zur ersteren Möglichkeit. Noch verstehe ich auch nicht, mit welcher Rolle Hire unzufrieden ist. Welche Rolle will er wohl spielen?

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Geschrieben: 5. Juli 2011, 21:33 Uhr   [ Ignorieren ]   [ # 13 ]
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Ich bin ja noch bei Kapitel 4, wozu ich nichts gesagt habe:

Ja, an der Eisdecke auf dem Wasser im Zimmer bin ich hängengeblieben. Was mich daran erinnert, gelesen zu haben, dass heute die meisten Rotweine zu warm getrunken werden. Der Grund: Zimmertemperatur als Empfehlung für die Trinktemperatur stammt aus den Zeiten, als die Wohnungen noch nicht mit 20, 21 Grad beheizt wurden, sondern mehr mit 15, 16 Grad. Das erzähle mal jemand unseren Frauen (nicht wegen dem Rotwein, sondern vielmehr in Hinsicht auf die Zimmertemperatur).

Unklar bleibt die Beziehung zum Dienstmädchen. Was hat er davon, sie so zu verfolgen. Er sucht die Nähe, aber gleichzeitig weicht er auch immer wieder aus. Sie kann durch die Straßen von Paris gehen und sich sicher fühlen, weil sie ja von Monsieur Hire bewacht wird. Er trinkt das gleiche wie sie in der Bar. Merkwürdig, merkwürdig. (Mir ist bei der Gelegenheit auch aufgefallen, das Monsieur Hire immer Monsieur Hire genannt wird. Nicht nur in der direkten Rede, sondern in jeder Situation.) Entweder ist Monsieur Hire aber ein Teilzeit-Stalker oder vielleicht beweist Simenon nur ein gewissen Humor, in dem er den (vielleicht müden) Hire das letzte Stücke mit der Straßenbahn fahren lässt. Ich habe grinsen müssen. Auch, wie Hire - der dicke Kerl, der so ungeschickt wirkt - die Polizisten abhängt, zeigt, dass man ihn nicht unterschätzen darf.

Zurück zum Fußballspiel. Das scheint ja keinen der drei Besucher zu interessieren. Der eine liest Zeitung, der zweite schaut lieber auf den Rücken eines Dienstmädchen und dieses interessiert sich auch nicht für Fußball, hat noch nicht einmal die Regeln kapiert. Da hat jeder was davon, und offenbar geht man nur zum Fußball, weil es alle tun. Dabei ist das sicher kein günstiges Vergnügen gewesen.

Zum Thema Filzpantoffeln, ob das nun wirklich eine Alterserscheinung ist, kann ich nicht sagen, ich habe mit zwanzig welche getragen und tue das seit den Dreißigern nicht mehr. Womit auch ich beim Alter wäre. Es ist schwer zu sagen, in welchem Alter er sich befindet. Die Haut ist glatt, beschrieb Simenon, Hire, aber das kann auch am Körperbau des Herren liegen.

===

Ich glaube, man kann festhalten, dass das Dienstmädchen nicht nur in diesem Haus arbeitet, sondern auch dort arbeitet. Denn im Gespräch mit der Concierge wird nach der Madame gefragt, ohne dass ein Name genannt wird. Das spricht doch sehr für die Madame des Dienstmädchens und das dürfte die Concierge nur interessieren, wenn sie im gleichen Haus arbeitet.

Interessant ist schon das Spiel, dass das Dienstmädchen spielt. Warum dieses Spiel in ihrem Zimmer, mit den irren Gestik-Verrenkungen? In welcher Not ist? Hat Hire, wie wir später erfahren, wirklich eine Vergewaltigung beobachtet? Ausgedacht und von ihm nicht dementiert? Und die interessante Frage, was passiert wäre, wenn er ihr seine Liebe gestanden hätte. Hätte sie ihn ausgelacht? Man wird aus dem Mädchen genauso wenig schlau, wie aus Hire selbst.

Wir sind in der Mitte des Buches und stellen uns nur Fragen. Simenon hat sein Ziel wohl erreicht.

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Geschrieben: 5. Juli 2011, 23:18 Uhr   [ Ignorieren ]   [ # 14 ]
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@ Michael: Vielen Dank für den Trost! Filzpantoffeln als Zeichen von Alterserscheinung? Damit kann ich leben grin

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Kapitel 5

Mutig und keck ist es schon, dieses Dienstmädchen, wie es so an die Tür von M. Hire klopft. Doch M. Hire öffnet nicht, sondern steht unbeweglich in seinem Zimmer.
Mehr als nur unheimlich ist das Abdecken seiner Fenster mit Papierbögen. Macht er das zu seinem Schutz, oder zum Schutz des Mädchens, oder zum Schutz beider?
Und erstmals spürt man eine gewisse Menschlichkeit bei M. Hire, als er auf dem Bett neben dem Mädchen sitzt, als sie ihn zum zweiten Mal besucht, und er ihr wirklich die Türe öffnete.
‘Er nutzte es nicht aus, dass ihre Körper so eng beisammen lagen. Er schien nicht zu fühlen, wie sie ihren Bauch an den seinen drückte, ihr Bein um das seine wand. Er schloss die Augen. Er atmete ihren Geruch ein.’
“Nicht bewegen!” flehte er.
Und dann das unfassbare: ‘Sie drückte ihre Lippen unterhalb des harten Bärtchens auf seinen Mund.’ Wer hätte das erwartet? Und dann noch dies:
“Guten Abend. Ich muss jetzt gehen.”
Er legte seine weiche Hand in die ihre.
“Stimmt’s, Sie lieben mich ein wenig?” beharrte sie.
Statt einer Antwort öffnete M. Hire nur die Tür und schloss sie hinter ihr ab.
Nein, ein Sympathieträger ist M. Hire noch nicht. Aber ein bisschen sympathisch wird er mir langsam, ganz langsam.

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