Silver - 31 Juli 2007 09:16 PM
@fiacre
Die Non-Maigrets lasse ich aber eher sporadisch und ohne konkrete Reihenfolge in meine Lektüre einfliessen. Meistens versuche ich zwar Serien-Protagonisten in der chronologischen Reihenfolge zu lesen um die Entwicklung der Figur zu verfolgen (z.B. Lord Peter Wimsey), bei Maigret hat sich das wegen der Fülle der Romane und Erzählungen aber nicht ergeben.
Nun ja, Simenon hat es mit den Alters-, Berufsabschnitts-etc.-angaben zu Maigret ja übner die Jahrzehnte hinweg auch nicht so ganz genau gehalten - insofern muss man da als Leser vermutlich auch nicht unbedingt chronologisch lesen. Die Figur wird ja auch nicht unbedingt “entwickelt” über die Zeit - allerdings leistet sich Simenon manchmal kleine Momente, in denen er auf einmal was verrät, was man bislang noch nicht wusste. Im Grunde erfährt man ansonsten ja über so gut wie alle anderen Figuren in den Maigret-Romanen jeweils deutlich mehr als über Maigret selbst, zumindest an explizit vorgetragener Information (ableiten, mutmaßen und projizieren kann man hingegen vieles - und vermutlich macht gerade das einen Teil der Faszination Maigret aus).
Oliver - 31 Juli 2007 08:04 AM
Das mit dem Non-Maigret “Der Neue” finde ich ganz interessant, da dieser Roman eigentlich nie genannt wird. Ich habe ihn in meiner Simenon-Sozialisation erst ziemlich zum Schluss gelesen und fand ihn auch sehr gelungen. Aber igendwie war dann nicht so im Gedächtnis haften geblieben, wie andere Simenons.
Nach der Lektüre von Maigret beim Coroner hatte ich große Lust, mehr davon zu lesen, wie Simenon als Nicht-Amerikaner die US-Provinz beschriebt - da stieß ich zufällig auf Der Neue. Der Roman ist nicht nur ungemein spannend, faszinierend ist auch, wie diese Spannung fast nur aus Dialogen, innerem Monolog der Hauptfigur und Erzählungen anderer Personen aufgebaut wird, noch dazu, wo die Handlung fast ausschließlich hinter und vor dem Tresen einer nur mäßig besuchten Bar spielt. Die Wendung am Schluss (auch die Wendung des Themas hin zu einem moralischen Konflikt der Hauptperson) geht dann für meinen Geschmack und im Vergleich zur vorher kontinuierlich und ohne Eile aufgebauten Spannung ein wenig rasch, insgesamt jedoch ein Werk, das mich sehr beeindruckt hat. Die Zeichnung der Figuren, der Umriss der Situationen, der Aufbau von Dichte - das alles, wie so oft bei Simenon, auf eine Weise, bei welcher die sprachliche Form komplett in den Hintergrund tritt und gerade dadurch ungemein zu wirken versteht.
Einen Schuss Genever bitte!
Auf baldiges Wiederlesen,
Saint-Fiacre