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[Gemeinsam lesen] Maigret und der Minister
Geschrieben: 10. Juli 2006, 19:55 Uhr   [ Ignorieren ]
Administrator
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22. November 2008

Salut miteinander,

nun geht es los. Ich habe das erste Kapitel absolviert und ich mal kurz meine Eindrücke wiedergeben.

Das erste Kapitel ist sehr, sehr faktenreich und zwar nicht nur, was den Fall angeht, sondern auch was Maigrets Gewohnheiten angeht.

- Maigret ist Vizepräsident des Polizisten-Hilfswerks
Dazu wurde er gewählt, wenn auch nur sehr unwillig. Er hatte diesen Posten nicht zum ersten Male inne. Es ergab sich nach so einer Versammlung aber immer die Gelegenheit, etwas trinken zu gehen.

- Die Tür wurde ihm von Madame Maigret geöffnet.
Hier wurde die Marotte klar geschildert. Maigret fing an, sich zwischem den zweiten und dritten Stockwerk auszukleiden, seinen Schlüsselbund hervorzuholen, obwohl ihm Madame Maigret die Tür aufmachte. Immer.

- Maigret hegte eine Abneigung gegen die Politik.
Ihm waren Fälle verhasst, die mit dem Politik oder Politikern zu tun hatten. Er zögert nicht, seine Abscheu darüber auch gegenüber einem hochrangigen Politiker zuzugeben.

- Madame Maigret hat großen Respekt vor Menschen
Man könnte nur festhalten, dass sie nur großen Respekt vor Politikern hat und sie sich gar nicht vorstellen konnte, dass dies ganz gewöhnliche Menschen waren, die zum Beispiel auch von einer Telefonzelle aus telefonieren konnten. Aber auch gegenüber anderen Menschen, jeglichem Besuch am Boulevard Richard-Lenoir trat sie sehr höflich und respektvoll auf. Man erinnere sich an den Samstagsklienten.

- Point
Der Minister wird als bäuerlicher Typ beschrieben, der Maigret ähnlich war. Der Mann stammte aus der Vendée und war im Parlament, weil die Bevölkerung damit seine Rolle im Widerstand würdigte. Das lässt den Schluss zu, dass dieser Roman nach dem zweiten Weltkrieg spielt. Jede sich bietende Gelegenheit nutzte der Politiker zur Flucht aus dem Alltag.


Womit wir bei der Geschichte wären.

Zur Glaubwürdigkeit: Ja, sehr gut vorstellbar. Was in die heutige Zeit nicht mehr passt, ist der schmierige Journalist, der ins Spiel gebracht wird und die Affäre anheizt. Solche Blättchen, die sich auf Erpressung spezialisiert haben (kommen in Simenons Werk ja häufiger vor - man erinnere sich an »Die letzten Tage eines armen Mannes«), gibt es heute nicht mehr - zumindest hat sich die Zielrichtung geändert. Es werden immer noch Skandale aufgedeckt, letztlich will man damit aber bei seinen Lesern profilieren und neue Leserschichten gewinnen. Das Ergebnis ist das Gleiche: Geld.
Es geht darum, dass es ein Gutachten gibt, welches Calame-Bericht genannt wird, in dem die Mängel an einem Jugend-Ferienheim aufgezählt werden. Gebaut wurde es trotzdem und dann kam es zur Katastrophe, bei dem es viele Tote gab. Der Bericht war aber vor dem Bau in den Archiven verschwunden und man wunderte sich sehr, dass er plötzlich wieder auftauchte, da er als verschwunden galt.
Point hatte ihn bekommen und ... er wurde ihm entwendet. Nun wendet er sich an Maigret, ohne - zumindest im ersten Kapitel - verlautbaren zu lassen, was er genau von Maigret möchte.

Es herrscht schlechtes Wetter und Maigret wird sich bewusst, dass er wie ein Privatdetektiv agieren muss.

Maigret läuft viel, fährt Bus - das er die Metro nimmt ist selten. Hier ist es der Fall.

Das erste Kapitel ist für meinen Geschmack sehr abrupt zu Ende, was sehr untypisch für Maigrets ist. Angefüttert bin ich, morgen geht’s weiter mit dem zweiten Kapitel.

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Geschrieben: 10. Juli 2006, 20:42 Uhr   [ Ignorieren ]   [ # 1 ]
Polizeihauptmeister
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Mir ist besonders aufgefallen, dass Simenon Maigret bereits im ersten Kapitel mit allen Attributen und Gewohnheiten schildert, die man als Maigret-typisch bezeichnen kann. Alles ist da, vom Mantel bis zur Pfeife, der Quai, das Bier in der Brasserie Dauphine und die fürsorgende Madame Maigret. Als Erstleser lernt man Maigret sofort kennen und als “Kenner” der “Serie” ist man sofort wieder mit Maigret verbunden. Egal wie lange man keinen Maigret mehr gelesen hat, alles Altvertraute ist sofort wieder präsent.
Interessant finde ich auch die Beschreibung der Wohnung des Ministers. Getreu dem Motto „Zeig mir, wie Du wohnst und ich sag Dir, wer du bist“ beschreibt Simenon Points Charakter und Herkunft auf einfache aber direkte Weise sehr eindrücklich.

Michael

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Geschrieben: 10. Juli 2006, 21:42 Uhr   [ Ignorieren ]   [ # 2 ]
Polizeihauptmeister
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Salut mes amis

Nun lese ich diesen Roman etwa zum vierten Mal, und er gefällt mir immer wieder von neuem. Alle Klischées sind vorhanden: Maigret unterwegs in Paris; all seine (unsere?!) Lieblingsinspektoren - Lucas, Janvier, Lapointe, Torrence - sind in den Fall involviert; und dann noch ein ‘Doppelgänger’ von Maigret: der Minister Point. WUNDERBAR!


KAPITEL 1
——————
Dass Madame Maigret scheinbar den ganzen Tag darauf wartet, ihrem Mann rechtzeitig die Tür zu öffnen, gehört eigentlich zum Thema ‘perfekte Ehe- und Hausfrau’!

Folgendes stach mir sofort in die Augen:
< Er sagte sein übliches: “Kein Anruf?” >
Ist das wahr? Dies ist mir in den anderen Maigret-Romanen noch nie aufgefallen?!

Auch schön:
< Das Licht in der Wohnung war angenehmer und gemütlicher als im Büro. Neben seinem Sessel standen die Pantoffeln bereit, und auch die Zeitungen hatte seine Frau für ihn hingelegt. >

Und dann noch dies:
< “Trinkst du einen Kaffee?”
“Danke, nein. Nach dem Bier nicht.”
Im Stehen goss er sich einen Schluck Prunelle ein, nahm eine saubere Pfeife vom Kamin und ging zur Tür. >
Zum Schreien! Der Kaffee passt nicht nach dem Bier, aber der Prunelle schon?! Das ist Maigret pur!

In diesem Fall wird wieder einiges getrunken:
< “Das ist ein gewöhnlicher Bauernschnaps, den mein Vater in jedem Herbst destilliert. Dieser ist allerdings schon zwanzig Jahre alt.” >

Auch das ist Maigret:
< ... war ihm ebenso unbehaglich, wie wenn in Gegenwart einer Frau schmutzige Witze erzählt würden. >

Und zum Ende des Kapitels:
< Ohne ihn um die Erlaubnis zu bitten, goss Maigret sich ein Glas Schnaps ein, und erst, als er einen Schluck getrunken hatte, dachte er daran, auch das Glas des Ministers zu füllen. >

Da hätte aber sein Freund und Arzt Dr. Pardon wenig Freude an Maigret gehabt.

Dieses erste Kapitel gefällt mir gut. Es ist ein spannender und informativer Einstieg.

A demain et bonne nuit
Peter

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Geschrieben: 10. Juli 2006, 21:44 Uhr   [ Ignorieren ]   [ # 3 ]
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Lustig ist ja eigentlich, dass Madame Maigret ihn mit den Worten begrüßt, dass es sich nicht lohnen würde, den Mantel auszuziehen. Kurze Zeit später, also nur wenige Absätze, siegt das Fürsorgliche und sie meint, er könne ja noch einen Kaffee trinken und den Mantel ausziehen.

Point äußerte ja auch, dass Madame Maigret seiner Frau zu ähneln scheint - und, subtil oder nicht, stellt damit noch eine engere Beziehung zu Maigret her. Eine Beziehung die Maigret suspekt ist - denn Point ist und bleibt ein Politiker.

Fiel mir noch so auf…

Oliver

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Geschrieben: 10. Juli 2006, 21:46 Uhr   [ Ignorieren ]   [ # 4 ]
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Ohne ihn um die Erlaubnis zu bitten, goss Maigret sich ein Glas Schnaps ein, und erst, als er einen Schluck getrunken hatte, dachte er daran, auch das Glas des Ministers zu füllen.

Ein großartiges Ende für das Kapitel. So eine Überleitung, wie wir sie heute als raffiniertes Element aus Fernsehserien kenne, um den Zuschauer bei der Stange zu halten. Das Bild dazu finde ich auch großartig. Das verdutzte Gesicht Maigrets…

Oliver

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Geschrieben: 10. Juli 2006, 21:55 Uhr   [ Ignorieren ]   [ # 5 ]
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Mir ist aufgefallen, wie stark Simenon die Parallelen der beiden ernsten, pflichtbewussten/-beladenen Männer aufzuzeigen versucht: ihre ländliche Herkunft, die Statur, die Pfeifen, die Ehefrauen, der altmodische Schreibtisch…. Simenon liegt wohl daran, dass der Minister als grundehrlicher, einfacher (Sympathie)-Typ bei den Lesern ankommt. Ob er wirklich redlich ist, wird sich zeigen - ich habe den weiteren Roman-Verlauf nicht mehr im Kopf.

Spontan kamen mir die Skandale, die wir in den letzten Jahren in der Schweiz hatten, in den Sinn: Wachmann Meili und die Nazi-Akten, die er vor dem Shredder rettete; dann der Fall Regierungsrat Aliesch; und nicht zuletzt die Enthüllungsjournalisten, z.B. der Weltwoche, die den Filz durchleuchten. Ich finde den Minister-Roman bisher recht zeitlos – im positiven Sinne.

Ich freue mich sehr über die aktuelle Lektüre. Ich habe die vergangenen Monate keine Maigrets mehr gelesen und mich anderen Schriftstellern zugewandt, die viel ausführlicher schreiben und mich “mehr” ansprechen. Schon nach der ersten Seite dieses Maigret-Romans habe ich aber gemerkt, dass ich ihn immer noch gerne lese!

Grüsse aus Bern, Guillaume/Willi

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Geschrieben: 10. Juli 2006, 22:04 Uhr   [ Ignorieren ]   [ # 6 ]
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22. November 2008

Ich habe die vergangenen Monate keine Maigrets mehr gelesen und mich anderen Schriftstellern zugewandt, die viel ausführlicher schreiben und mich “mehr” ansprechen.

Ich habe einige umfangreichere Romane hinter mir und so manches mal bei mir gedacht: Kämen sie doch mal auf den Punkt. Sie verhaspeln sich in vielen Details, die für die Geschichte ohne Bedeutung sind. Hätten sie nur ein Viertel weniger geschrieben, sie hätten immer noch dreimal so viel geschrieben wie der normale Umfang eines Maigrets oder Non-Maigrets.

In die Krimis hat immer mehr das Epische Einzug gehalten. Schaut man sich die Klassiker, also nicht nur Simenon an, so merkt man, dass die nicht Not tut.

Oliver

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Geschrieben: 11. Juli 2006, 20:52 Uhr   [ Ignorieren ]   [ # 7 ]
Polizeihauptmeister
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10. Mai 2006

Im zweiten Kapitel kam (für mich) überraschend die Information, dass Maigret in der Vergangenheit zeitweise von der Kriminalpolizei suspendiert und als Verkehrspolizist in die Provinz verbannt war. Wurde das in einer anderen Geschichte schon mal erwähnt?
Ansonsten beginnt die Handlung sich zu entwickeln bzw. zu verwickeln und wie bereits im ersten Kapitel wird häufig auf die Gemeinsamkeiten zwischen Maigret und dem Minister angespielt. Das macht mich schon fast stutzig und ich beginne zu zweifeln, ob der Minister tatsächlich so naiv/unschuldig ist, wie er bisher erscheint? (Die Geschichte ist für mich übrigens Erstlektüre und ich kenne den Ausgang nicht) Ich bin jedenfalls gespannt wie es weitergeht.

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