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Saint-Fiacre

Seitdem ich vor gut fünf Jahren Simenon für mich entdeckt habe, befällt mich etwa zweimal pro Jahr der Drang, ihn zu lesen. In aller Regel bleibt es dann nicht bei einem Buch, sondern ich lese dann bis zu zehn seiner Werke hintereinander weg. Ich gerate dann jeweils in diesen “Simenon-Rausch”, der sich schwer greifen lässt, aber vermutlich damit zu tun hat, dass über große Teile seines Oeuvres zwar die - qualitativ durchaus unterschiedlich ausfallenden - Werke als einzelne gelesen werden können, letztlich aber (auch) jedes Werk als Steinchen eines großen Mosaiks betrachtet werden kann, das insgesamt eine große Variation über grundlegende Themen menschlicher und zwischenmenschlicher Befindlichkeit(en) und Abgründe darstellt.

Im Zuge meiner regelmäßig wiederkehrenden Simenon-Lektüren habe ich mir inzwischen diverse Schneisen durch sein beeindruckendes Gesamtwerk geschlagen - beginnend (natürlich) mit den Maigrets, mehr und mehr dann aber in Bann genommen von den “Romans durs” (leider allzu oft pauschal als “Non-Maigrets” tituliert, was ihnen den Anschein von mehr oder weniger relevanten “Nebenprodukten” zum kriminalbelletristischen Schaffen des Autors verleiht). Ich kenne die allermeisten Maigrets, schätze Simenon aber eigentlich insbesondere aufgrund seiner “Romans durs” (seiner “harten Romane”, wie er sie selbst nannte). Eine Reihe von Themen, die in den Maigret-Romanen als Schicksale, Ab- und Hintergründe einzelner Figuren angerissen werden, werden erst in den “Romans durs” von Simenon voll entfaltet und in vielfältigen Variationen reflektiert. Der Autor nähert sich dabei Themen wie Sozialisation, Zorn, jugendlicher Schwärmerei und Abenteurertum, Freundschaft, Missgunst, Trieb, Altern, Macht, Liebe, der Fragilität und Hintergehbarkeit sozialer Verhältnisse und menschlicher Beziehungen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven und vor ganz unterschiedlicher Kulisse (wobei die Großstadt, das Landleben und die Südsee besoders häufig wiederkehren).

Der hier vorliegende “autobiagraphische Roman” stellt in gewisser Hinsicht ein Bindeglied zwischen den “Romans durs” und den Simenon-Romanen dar, insofern verschiedene - von Simenon offensichtlich als junger Mensch selbst erlebte - Begebenheiten die Vorlage für Teile des Szenarios des Maigret-Romans “Der Gehängte von St. Pholien” lieferten. Der Roman zeigt - wie nicht wenige Werke in Simenons Oeuvre - Spuren rascher, partiell spontaner Abfassung, sowohl was den Aufbau als auch was die stilistische Ausführung anbetrifft. Stellenweise erscheinen einzelne Passagen und Erzählstränge nahezu assoziativ aneinandergereiht. Dennoch erzählt der Roman - in durchaus packender Weise - eine kohärente Geschichte mehrerer Personen, die im Leben des frühen Simenon eine Rolle spielten (mit Simenon selbst als Ich-Erzähler, der mal im Zentrum, mal eher als Beobachter am Rand der berichteten Ereignisse steht). Man findet darunter Blaupausen für verschiedene Figurentypen, die uns in den “Romans durs” und den Mairet-Romanen begegnen - die schwärmerisch-getriebenen jugendlichen Künstlerdilettanten, den beständig zu seinem eigenen Vorteil agierenden, die Gutmenschenfassade wahrenden Sonderling, von Gier und Begierde getriebene rastlose Existenzen. Gerade aufgrund seiner offenbar raschen Ausführung gewinnt der Roman jedoch etwas zutiefst Packendes, Authentisches - und kreist dabei immer wieder um die Frage, wie und warum jemand zum Mörder wird. Auf zweiter Ebene skizziert der Roman anhand einzelner Figuren die Befindlichkeiten einer Generation, die ihre Kindheit im 1. Weltkrieg erlebte und unter der Bedingungen der Nachkriegszeit heranwuchs. Der Autor bleibt dabei letztlich mehr Beobachter und Chronist der Ereignisse und hält sich mit Bewertungen und Deutungen weitgehend zurück. Stattdessen zeigt er uns Figuren mit psychologischer Tiefe und Komplexität - so dass, wie auch bei vielen Maigret-Romanen und “Romans durs”, letztlich derjenige, der faktisch ein (mehrfacher) Mörder ist, als jemand gezeichnet wird, den moralisch zu verurteilen - wie widerwärtig er auch vom Autor vorgestellt wird und dem Leser erscheint - gar nicht so leicht fällt (wiewohl die Widerwärtigkeit der Taten vom Autor keineswegs durch einen plumpen Rückgriff auf Argumente we “Die Verhältnisse haben ihn dazu getrieben” entschuldigt wird). Letztlich führt Simenon uns - wie in vielen seinen Werken und insbesondere in den “Romans durs” - Menschen vor. Auch der Mörder ist ein Mensch mit einer Geschichte. Die Frage, was Menschen zu Menschen und was einige Menschen (in bestimmten Zeiten mit bestimmten Charaktermerkmalen) zu Mördern macht, bleibt offen - das Finden einer Antwort (wenn es denn so leicht wäre) und einer Bewertung der vorgestellten Figuren dem Leser überlassen.

Der Roman hat stilistische Schwächen, gerade die offensichtliche Raschheit der Konzeption wie auch der Niederschrift ist dabei zugleich eine Stärke: Wenig wird künstlerisch überformt, man gewinnt den Eindruck, als habe sich Simenon - wie so oft - hingesetzt und ganz spontan und in einem Zug diese Teile seiner eigenen Biographie in loser Romanform heruntergeschrieben. Verschiedentlich hätte der Roman dadurch noch gewinnen können, einzelne Figuren (z.B. den “kleinen Maler K.”, Simenons Journalistenkollegen Deblauwe oder den “Fakir”) mit ihren Befindlichkeiten und Hintergründen ebenso detailliert und ambivalent auszuleuchten wie die Figur des Hyacinthe Danse, auf dem ein Hauptfokus liegt. Doch , wie eingangs erläutert: Sehen wir auch diesen Roman als Mosaiksteinchen zu einem großen Ganzen - zudem als eines, dem in verschiedener Hinsicht (nämlich für ein autobiographisch gestütztes Verständnis bestimmter Figuren-Grundtypen, die in diversen von Simenons anderen Romane auftreten) die Funktion eines Schlüsselsteinchens eingeräumt werden kann.

Wen Biograpien abschrecken, dem sei gesagt, dass dieses Werk sich viel mehr wie ein Roman und nicht wie eine Biographie liest. Man kann beim Lesen sehr gut vergessen, dass der Inhalt sich aus Simenons früher Biographie speist. Denkt man sich Letzteres hinzu, ist es für den passionierten Simenon-Leser doppelt spannend und reizvoll. Doch auch als “bloßer” Roman ist das Buch durchaus packend - und auch in gewisser Weise anrührend.

Saint-Fiacre am 23.03.2012

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