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Gast-Kommentator

Die Deutung dieses hinterhaeltigen und psychologisch ungemein dichten kleinen Meisterwerks bleibt mir persönlich etwas zu sehr an der Oberfläche. Selbst kein Simenon-Kenner, habe ich durch einen Zufall diesen Roman gestern Abend und heute früh mit wachsender Begeisterung gelesen. Mein erster Simenon überhaupt - und gleich dem Zauber erlegen. Eigentlich geht es doch gar nicht um den Mord oder die Fleischeslust, oder? Es geht darum - und der Autor betont es an mehreren Stellen sehr deutlich - , dass ein seit Jahr und Tag wie seine maennlichen Leidensgenossen und gesellschaftlichen Kumpane - “Freunde” mag ich sie nicht nennen - in den ewiggleichen oeden Ritualen eines Kleinstadtlebens gefangener Mann einmal in seinem Leben sein kleines Universum ver-rueckt, etwas Unerhoertes tut und stellvertretend für alle anderen Maenner in diesem niederlaendischen Hamsterrad mit Billard & Genever, Bohnerwachs und Kalbskoteletts, Burgunder und Zigarren, Samstagabendehesex und Haekeldeckchen den Ausfallschritt ins Unerhoerte wagt (frei nach Udo Juergens´“Ich war noch niemals in New York”); und tragisch scheitert - obwohl seine Kumpane bis hinauf zum Richter ihm goldene Brücken in die Freiheit in der Fremde bauen (wohl nicht nur aus Skandalvermeidungskalkül, sondern weil sie ihn trotz oder gerade wegen seiner Tat als stellvertretenden Vollstrecker ihrer eigenen verdraengten Sehnsuechte ziehen lassen wollen und ihn, selbst geschlagen mit unangenehmen Ehefrauen, heimlich bewundern dafuer, dass er tatsaechlich tat, was sie nur in Gedanken taten). Er aber bleibt, auf den ersten Blick unverstaendlicherweise, nun von allen verachtet und gemieden, und fuehrt, seltsam erstarrt und beharrend, nun ein zweitaufgelegtes Hamsterradleben mit selstsam ver-rueckten Gesetzen und Ritualen in seiner eigenen wahnhaften “Geographie”, wie Simenon schreibt, einschliesslich der als Ehefrau verkleideten Geliebten; Ende offen, vermutlich bis zum absehbaren Tod im Wahn. Die ganz persönliche Suehnefahrt eines Moerders: “Er brauchte aber nicht weiterzugehen: sein Universum folgte ihm ueberallhin mit seinem schmerzhaft brennenden Geheimnis”. Was bleibt, ist eine unendliche Einsamkeit.

Hervorragend auch die Schilderung der protestantisch-doppelmoralischen niederlaendischen Provinz - ein Stilleben wie von Alten Meistern, geschwaengert mit Genever- & Tabakgestank, und bis zum Bersten voll verdraengter Lueste hinter den allzu sauberen Fassaden (interessant: die untreue Gattin Alice wird einmal ausdrücklich als “aus Amsterdam und katholisch” bezeichnet). Mehr als ein Kriminalroman.

OldBlueIris am 17.10.2009

Oliver Hahn

Es freut mich, dass Du so schnell dem Zauber Simenons erlegen bist. »Der Mörder« ist eine erstklassige für einen Einstieg in die Simenon-Welt, und dann auch noch diese Seite entdeckt hast

Ich möchte die Texte hier als Inhaltsangabe verstanden wissen, auch wenn die Grenzen manchmal nicht klar zu ziehen sind und Positionen bezogen werden müssen. Gedeutet werden soll von mir (oben) nichts, daran liegt mir in diesem Kontext hier nichts. Dafür haben wir ja hier unten unsere kleine Ecke grin

Man sieht an diesem Roman recht deutlich, dass er auf mehreren Ebenen trägt.

Betrachtet man die Mörder-Ebene, so sieht man, dass Hans Kuperus sein Verbrechen sehr, sehr exakt geplant hat, sich aber über die Konsequenzen keine Gedanken gemacht hat. Er ist frei! Aber, was kommt danach? Daran hatte er vorher keine Gedanken verschwendet, womit er ein schlechter Verbrecher ist. Es mag sein, dass er das perfekte Verbrechen begangen hat, aber allzu oft verrät sich der Verbrecher nicht durch seine Tat, sondern durch sein Handeln nach der Tat, und hier ist Kuperus nicht gerade sehr feinsinnig.

Die Geschichte funktioniert auch mit dem, wie Du so schön sagst, »Skandalvermeidungskalkül«. In der kleinen Stadt sind die Positionen fest zementiert, jeder soll bitte schön an seinem Platz bleiben - sauber, ordentlich und kühl. Ein gewollter Aufstieg ist nicht erwünscht, ein Abstieg aber bitte schön auch nicht. Mich erinnert es immer ein wenig an Domino: Fällt ein Stein, kann der nächste auch fallen - und dann hat man den Salat, die sorgfältig austarierte Ordnung fällt in sich zusammen. Wer von denen da oben (übrigens auch öfter mal ein Thema in den Maigrets, wenn sich ein Verbrechen in der Oberschicht oder mit Bezügen in die Oberschicht ereignet: Wird den da oben was passieren?) Insofern ebnet man dem Arzt nicht den Weg aus einer Art Respekt (»Da ist jemand, der traut sich was!«), sondern weil man den Ist-Zustand konservieren möchte. Womit auch ich bei protestantischer Doppelmoral wäre…

Das Ende? Vielleicht wird er dem Wahn verfallen, vielleicht wird er auch ganz gewöhnlich gefasst und verurteilt werden. Das Ende ist offen - ein gutes indes ist nicht zu erwarten.

Oliver Hahn am 17.10.2009

Gast-Kommentator

Vielen Dank für die freundliche und ausführliche Antwort. Simenon scheint ja sehr viele Deutungsmöglichkeiten zu bieten. Eine Kleinigkeit noch: du gibst das Erscheinungsjahr mit 1936 an; in meiner Diogenes-Ausgabe von 1977 jedoch (Sammelband gemeinsam mit “3 Zimmer in Manhattan” und “Der große Bob”)steht aber unter dem Text von “Der Mörder”: Combloux, Savoie 1935 (die französische Wikipedia schreibt auch “1935”). Ist nur eine Kleinigkeit, ist mir halt nur aufgefallen. Im übrigen gefällt mir diese Seite sehr gut und ich freue mich schon auf so manchen interessanten Austausch.

OldBlueIris am 18.10.2009

Oliver Hahn

Hier eine späte Antwort, weil ich offenbar nicht alle Bereiche »meines Universums« ständig im Blicke habe grin Du hast recht, der Roman wurde im Dezember 1936 geschrieben. Ich habe die Quelle meines Irrtums verifiziert (Diogenes-Ausgabe von Eskin) und Deine Angaben mit anderen Quellen verglichen (L’univers de Simenon) und einem Ausstellungskatalog - die Angabe habe ich geändert. Danke für den Hinweis…

Oliver Hahn am 08.12.2009

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