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Saint-Fiacre

Bevor ich die letzten drei Seiten dieses Romans gelesen habe, hatte ich bereits eine nahezu vollständige - und sehr positive - Bewertung des Buches vor Augen. Durch die Lektüre der letzten drei Seiten bin ich nun aber etwas im Zweifel, wie ich das Gesamt des Gelesenen beurteilen soll, erscheint mir doch das Ende als sehr abrupt, unzureichend motiviert und - insbesondere mit Blick auf die Behutsamkeit, mit der Simenon über die davor liegenden gut 200 Seiten hinweg die innere Entwicklung seines Protagonisten “organisch” sich entwickeln lässt - als irgendwie hastig an das Ende der ansonsten beeindruckenden Erzählung geschustert. Wollte der Meister hier wieder einmal - wie leider häufiger - plötzlich rasch fertigwerden, weil schon wieder Ideen für 14 weitere Romane in seinem Kopf auf Papierwerdung drängten?


Möglicherweise tue ich dem Roman(ende) auch unrecht; eventuell werde ich mit etwas Abstand von der Lektüre (Ich habe das Buch soeben erst zugeklappt) zu einem anderen Urteil kommen. Nur so viel sei dazu angemerkt: Das Scheitern des “zweiten Lebens” hätte nach meinem derzeitigen Dafürhalten durchaus eindrücklicher vor Augen geführt werden können, hätte der Meister ein weniger eindrückliches Ende gewählt - will sagen: hätte er seinen Protagonisten zu guter Letzt - zwar widerstrebend, aber resigniert - in diejenigen Zwänge und sozialen Konstrukte zurückkehren lassen, aus denen er sich zuvor emanzipiert zu haben glaubte (sozusagen Camus’ “Rückkehr in die Kette”). Als Leser hätten wir dann absolut geglaubt, wie unbefriedigend Donalds weiteres Leben von da an verlaufen wäre. Da er seine Emanzipation - selbst auf dem Höhepunkt seiner Affäre mit Mona - letztlich aber nur innerlich, für und vor sich selbst, nie jedoch äußerlich vollzieht (Die Scheidung steht für ihn nie zur Debatte), wäre ein solches Ende aus dem bisherigen Gang der Ereignisse eigentlich geradezu zwingend abzuleiten gewesen. Wenn man bedenkt, wie viel Reflexion und - z.T. mehrfach hin- und hergewälzter - kleiner Entscheidungen Donald bedarf, um überhaupt nur ernsthaft in Betracht zu ziehen, das erste Mal nach New York zu fahren (und das letztlich auch erst nach wiederholter Ermunterung durch seine Gattin in die Tat umzusetzen), so ist es schwer begreiflich, weshalb dieselbe Figur auf den letzten drei Seiten des Romans dann ganz plötzlich so agiert wie sie agiert. Der Schluss reiht sich natürlich in eine ansehnliche Reihe ähnlicher Romanenden im Werk Simenons - dadurch muss es hier aber noch lange nicht gut sein.


Dennoch: Lässt man das Ende mal beiseite, so handelt es sich bei diesem Roman um eine sehr eindrucksvolle Beschreibung einer Krise im Leben eines Mittvierzigers. Ich will sie nicht “Midlife Crisis” nennen, da das allzu viele Klischees heraufbeschwört, die auf diese stellenweise sehr tiefgründige und reife Schilderung einer Sinnkrise anzuwenden der Leistung des Autors nicht gerecht würde. Weite Teile des Romans sind im Grunde ein großer innerer Monolog. Simenon lässt die äußere wie die innere Handlug sich sehr langsam entwickeln und gibt damit der Geschichte wie auch den Reflexionen sowie der Selbst- und der Außenwahrnehmung seines Protagonisten Raum, sich “organisch” zu entfalten. Hier erscheint nichts, wie in manch anderen Romanen des Autors, rasch heruntergeschrieben; die Reflexionen und der Umbruch in der Selbstwahrnehmung des Protagonisten werden nachvollziehbar aufgebaut, erstaunlich ist das Gespür Simenons fürs Detail, insbesondere bei der Beobachtung und Interpretation der Verhaltensweisen anderer. Immer wieder drehen sich die Gedankengänge Donalds, ausgehend von den jeweils aktuellen Ereignissen, um das Nicht-Kommunizieren zwischen ihm und seiner Ehefrau Isabel (Blicke, Gesten, das Umgehen direkter Kommunikation durch Rituale).


Letztlich handelt es sich um die Geschichte einer Entfremdung - von der eigenen Ehefrau, von den vertraut gewordenen Bahnen, in denen das eigene Leben seit Jahren verläuft. Dabei drängt es einen beim Lesen des öfteren zum Gedankenexperiment, wie wohl derselbe Roman geschrieben aus der Sicht Isabels aussähe. Denn nicht nur Isabel, mit der er seit siebzehn Jahren verheiratet ist, ist mit ihrem Verhalten Rätsel, Mysterium, vertraute Fremde und Anlass zu allerlei Hypothesen für Donald - umgekehrt scheint es, zumindest soweit Donalds Verhaltensweisen seiner eigenen Wahrnehmung zufolge durch Isabel gespiegelt bzw. mit Reaktionen erwidert werden, dass Donald für seine Ehefrau in gleicher Weise Rätsel und Fremder ist - der sich, ausgelöst von dem Tod seines besten Freundes im Blizzard, Schritt um Schritt noch weiter von ihr entfremdet.


In Anbetracht des Endes, das mir, wie schon erwähnt, einige Schwierigkeiten bereitet, möchte ich keine abschließende Gesamtbewertung vornehmen. Theoretisch könnte man ohne Verlust vor Abschnuitt 4 des zweiten Teils (bzw. auf S. 207 der diogenes-Ausgabe von 1991) aufhören zu lesen - und hätte eine wirklich eindrucksvolle und sehr gut geschriebene Geschichte einer Entfremdung gelesen, die zum Nachdenken anregt und die in verschiedener Hinsicht Identifikationspotenzial bietet. Die letzten drei Seiten braucht man nicht wirklich, sie machen ratlos und lassen einen - aufgrund des Knalleffekts - dann doch mit einem etwas schalen Nachgeschmack zurück. Aus Sicht dessen, der das Buch eben erst zuende gelesen hat, wäre ich fast geneigt zu sagen: Auf 200 Seiten brillant aufgebaute und in klarer Sprache verfasste innerer Handlung folgt ein 3-seitiges plakatives Groschenromanende. Zusammen ergibt das den schalen Nachgeschmack.


Möglicherweise beurteile ich das Ende ja mit etwas Abstand etwas milder. Sollte das der Fall sein, werde ich zu gegebener Zeit einen Nachtrag zu dieser Rezension verfassen.


P.S.: Ich finde den französischen Originaltitel “La main” (Die Hand) für treffender als den für die deutsche Ausgabe gewählten Titel “Das zweite Leben”. Faktisch macht unser Protagonist keine wirklich ernsthaften Anstalten, ein zweites Leben zu beginnen - ein zweites Leben hängt stattdessen nur die ganze Zeit als mehr oder weniger vage Möglichkeit in der Luft. Die Hand Monas neben der Matratze, auf die der Protagonist in seinen Gednakengängen mehrfach zurückkommt, ist hingegen Symbol gerade für die Möglichkeit, nicht aber für das tatsächlich realisierte zweite Leben. Das zeigt sich schon allein darin, dass Donald die Hand nicht ergreift, sondern sich in Gedanken lediglich mit der Möglichkeit (und ihren Konsequenzen) herumplagt, diese ergreifen zu können. Das Ende - nimmt man es so hin, wie es da steht - kann man natürlich in gewisser Weise als Befreiungsschlag hin zu einem “zweiten Leben” deuten; für mich hingegen stellt es eher eine radikale Variante des Scheiterns dar. (Dass ich die subtilere Variante - die widerstrebende und unglückliche Rückkehr in die vertraut-verhassten Verhältnisse - für reizvoller befunden hätte, habe ich bereits erwähnt.)

Saint-Fiacre am 24.03.2012

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