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Saint-Fiacre

“Rohdiamant”, “ungeschliffenes Meisterwerk” - das sind Bewertungen, die man - z.T. sinngemäß von zeitgenössischen Rezensenten zitiert - in der Biographie von Stanley Eskin über das “Testament Donadieu” liest. Meines Erachtens durchaus treffende Einschätzungen. Simenon macht zu anfangs einen breiten Rahmen mit diversen Figuren auf, verschiedene Handlungsstränge werden z.T. parallel dargestellt, der Abstieg der Familie Donadieu aus verschiedenen Blickwinkeln angebahnt. In der zweiten Hälfte wird die Handlung weitgehend auf die Geschichte von Martine und Philippe verengt - die Entwicklung der Handlung gibt das zwar her, man hätte das aber nicht unbedingt erwartet. Beinahe macht es den Eindruck, als sei Simenon in der zweiten Hälfte ein wenig das Durchhaltevermögen ausgegangen (wie er selbst schreibt, hat er sich bei der Abfassung dieses Werkes - im Gegensatz zu seiner sonstigen Arbeitsgewohnheit - mehrfach Unterbrechungen erlaubt ... möglicherweise auch ein Grund dafür, dass die Breite der Schilderung nicht konsistent durchgehalten wird; aber ein Roman mit über 500 Seiten lässt sich eben auch kaum am Stück schreiben).

Kein Zweifel aber: Der Roman ist ungemein spannend - wer die “Buddenbrooks” von Thomas Mann kennt und schätzt, wird sich in der ersten Hälfte der Donadieus verschiedentlich daran erinnert fühlen, wenn auch Simenons Werk gegenüber den “Buddenbrooks” durch eine präzise, nüchterne, knappe Sprache besticht, die - wie für Simenon typisch - hinter der Handlung und der Ausgestaltung der Figuren weitgehend in den Hintergrund tritt.

Was ebenfalls dafür spricht, dass Simenon über einiges, was er in der Grundlinie dieses Romans angelegt hat, letztlich etwas flüchtig hinweggegangen ist und manches als Skizze belassen hat, was sich auszuarbeiten durchaus gelohnt hätte, ist beispielsweise, dass der Umbruch in der Figur Michel (vom zwar etwas unkreativen, aber erfolgreichen Geschäftsführer hin zum erschlafften, selbstmitliedigen Frühgealterten) so rasch kommt, dass man Mühe hat ihn nachzuvollziehen. Auch bleibt die eigentliche Triebfeder Philippes, die ihn dazu diszipliniert, über Jahre hinweg das Donadieusche Unternehmen umzukrempeln und dabei über Leichen zu gehen, bis zuletzt vage. Will er tatsächlich “nur” eine eigene Dynastie gründen? Will er seiner Frau etwas bieten? Ist er tatsächlich nur ein absoluter Egoist? etc. - Zwar gibt es Tendenzen, gänzlich befriedigt ist man am Ende aber nicht.

Trotz allem: Ein packendes und kurzweiliges Buch. Dass ich hier so ausführlich Kritikpunkte vortrage, hat sicherlich auch damit zu tun, dass das Werk deutlich umfangreicher ist als die übrigen Romane Simenons. Ich würde das Buch trotzdem zu denjenigen Simenons zählen, von denen ich mir gut vorstellen kann, sie eines Tages wiederzulesen - und auch dann wieder mit Genuss.

Saint-Fiacre am 11.12.2008

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