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Maigret erlebt eine Niederlage

Um 1894. Ein kleiner, etwas dickerer Junge stand in der Ecke. Er beobachtete seine Klassenkameraden beim Spielen. Ihn – denn sie Bum-Bum nannten – beachteten sie nicht weiter. Bum-Bum, Sohn des Metzgers von Saint-Fiacre, war außen vor.

Jahrzehnte später. Das Wetter war deprimierend, die Menschen in Paris wussten nicht, ob sie mehr von oben oder mehr von unten nass wurden. Die Hälfte der Inspektoren hatte sich krank gemeldet, die andere schnupfte und hustete vor sich hin. Maigret ist überzeugt, dass er so einen März – der aber auch nicht den kleinsten Lichtblick zuließ – noch nie erlebt hatte.

Abbildungen zu »Maigret erlebt eine Niederlage« (insgesamt: 2)
Maigret erlebt eine Niederlage - Kiepenheuer & Witsch – 1957 Maigret erlebt eine Niederlage - DDR

Zu allem Überfluss war aus einer Reisegruppe von Engländern eine mittelalterliche, alleinstehende Frau in Paris verschwunden. Keiner hatte sie gesehen, keiner wusste etwas mehr von ihr. Die Pensionswirtin aus London war sehr bald das Thema der Schlagzeilen Londoner und Pariser Zeitungen. Die Öffentlichkeit war rege interessiert und Maigret hatte keine Inspektoren, um einer aufwendigen Suche gerecht zu werden.

In diese Situation hinein trat ein Mann, den Maigret bei dessen Eintritt in die Tür, als Quelle großen Übels identifizierte, auch wenn er den Namen noch nichts wusste – Ferdinand Fumal.

»Setzen Sie sich.«
Dann, als er den Kopf hob, sah er sich einer unförmigen, schwabbeligen Person gegenüber, die kaum im Sessel Platz hatte. Fumal beobachtet ihn mit boshaften Blicken, als erwarte er von den Kommissar eine ganz bestimmte Reaktion.
»Worum handelt es sich? Man hat mir gesagt, dass Sie mich persönlich zu sprechen wünschen.«
Auf dem Überzieher des Besuchers waren nur wenige Regentropfen zu sehen; er musste mit dem Auto gekommen sein.
»Erkennen Sie mich nicht?«
»Nein.«
»Denken Sie nach.«
»Ich habe keine Zeit dazu.«
»Ferdinand.«
»Was für ein Ferdinand?«
»Der dicke Ferdinand ... Bum-Bum!«

Weder die Tatsache, dass Fumal nur zu Maigret vorgelassen wird, weil er eine Empfehlung des Innenministers in der Tasche, noch die plötzlich wiedererweckten Erinnerungen an Bum-Bum, können Maigrets Laune heben. Nein, er behandelt den Gast und Bittsteller mit ausgesprochener Abneigung und Unhöflichkeit.

»Übrigens: Damals haben wir uns geduzt…«
»Jetzt nicht mehr«, ließ der Kommissar fallen, während er seine Pfeife ausleerte.

Das liegt aber gewissermaßen in der Familie. Wie Fumal stammt Maigret aus Saint-Fiacre. Der Vater von Fumal war wie der Sohn Metzger, in Saint-Faicre der einzige. Er versuchte mit Maigrets Vater, der Gutsverwalter im Schloß war, ins Geschäft zu kommen. Dazu ließ er nach einem erfolgten Geschäft ein paar Geldscheine liegen. Diese Bestechung war völlig unakzeptabel für den alten Maigret, er setzte sich auf das Rad und radelte dem Metzger Louis Fumal hinterher und gab das Geld zurück. Hinzu kam, dass Louis Fumal beim alten Grafen versucht hatte, Misstrauen gegen seinen Verwalter zu wecken. Der Name Fumal hatte im Hause Maigret keinen guten Ruf.

Er gibt Fumal wo es nur geht, zu verstehen, dass er kein Interesse an ihm hat. Weder interessieren Maigret die Geschichten vom Aufstieg des kleinen Dorfpummelchens zu einem der mächtigsten und fettesten Metzgermanagers mit weitverzweigten Beziehungen, noch die Briefe, die Fumal bekommt.

»Mann will mir ans Leben!«
Fast hätte Maigret geantwortet:
»Das kann ich verstehen!«
Aber er zwang sich, gelassen zu bleiben.
»Seit etwa acht Tagen bekomme ich Briefe. Zuerst habe ich sie kaum beachtet. Menschen von meiner Bedeutung müssen darauf gefasst sein, Eifersucht und manchmal auch Hass zu erwecken.«

Es sind Briefe mit gar unfreundlichen Ankündigungen wie: Du wirst krepieren, Ich werde dir den Hals umdrehen und der eigentlich treffenden Charakterisierung Lump. Maigret verspricht Fumal, dass ein Inspektor das Fumalsche Haus bewachen wird und er ab morgen von einem Inspektor auf seinen Metzger-Dienstgängen begleitet wird.

Kurze Zeit später… sieht sich Maigret einer junge Frau gegenüber, die zwar hübsch aber nicht anziehend wirkt und die ihn zu sprechen wünscht.

»Was führt Sie zu mir?«
»Ich halte es für besser, dass Sie es wissen: er hat die Briefe selber geschrieben.«

Das Gespräch habe ich mal leicht gekürzt: die Frau ist die Privatsekretärin Fumals. Sie bestätigt, was Fumal schon angedeutet hatte, dass er ein äußerst skrupelloser Mann ist. Er macht jeden und alles mit seiner boshaften Art kaputt. Dabei ist es völlig irrelevant, ob sein Geschäft tangiert wird oder nicht: vieles geschieht auch reiner Boshaftigkeit. Wenn Fumal die Briefe wirklich selber geschrieben hat, dann sicher nicht aus reiner Selbstkritik, sondern weil er sich etwas davon verspricht.

In der darauffolgenden Nacht. Der Kommissar hatte am Anfang schon das richtige Gefühl: Fumal machte ihm noch mehr Ärger – er ließ sich ermorden. In seinem Arbeitszimmer wurde er von hinten erschossen aufgefunden, der Schuss kam aus nächster Nähe. Maigret, der davon ausgeht, dass ein Mann wie Fumal seinem Feind nicht den Rücken zudreht, bietet das die Gelegenheit hinter die Kulissen des Hauses Fumals zu schauen: die Ehefrau von Fumal ist Alkoholikerin (keine Veranlagung, wenn man Heirat mit einem Ekel nicht gerade als Veranlagung betrachtet), die Privatsekretärin und der Chauffeur blieben nur, um genug Geld für eine Hochzeit und ein Leben auf dem Lande zusammen zubekommen, einen Butler, dem Fumal einmal aus der Patsche geholfen hatte (allerdings nicht aus Nächstenliebe) und eine Geliebte in der Straße um die Ecke, die sich für Essen mehr interessierte als für den Tod ihres Geldgebers.

Verdächtige gibt es schon im Hause genug, hinzu kommt ein Mann, den Fumal erst vor kurzem in den Ruin getrieben hatte, Unzählige, die es schon länger hinter sich haben und ein großer Haufen von Angestellten Fumals, die über die Schikanen Bücher schreiben könnten.

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fakten Fakten

Originaltitel:

Un échec de Maigret

Entstehungsjahr:

1956 (4. März)

Erscheinungsjahr:

1956

Entstehungsort:

Cannes

Verlag:

Presses de la Cité

cinema und tv Cinema & TV

Death of a Butcher
[Maigret trifft einen Schulfreund]
1961 - Großbritannien
ein Film von
produziert von Andrew Osborn
mit Rupert Davies [Maigret]

Un échec de Maigret
[Maigret zieht eine Niete]
1987 - Frankreich
ein Film von Gilles Katz
mit Jean Richard [Maigret]

Un échec de Maigret
2003 - Frankreich
ein Film von Jacques Fansten
mit Jean-Luc Bideau [Fumal],
Bruno Cremer [Maigret],
Manuela Gourary [Madame Fumal]

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Wenn Joseph, der Bürodiener, an die Tür klopfte, machte er nicht mehr Lärm als eine Maus, die über den Boden läuft. Er öffnete die Tür geräuschlos und trat leise in Maigrets Büro. Mit seinem kahlen, von einem dünnen Kranz weißer Haare umgebenen Schädel sah er fast wie ein Geist aus. Der Kommissar saß über einen Stoß Akten gebeugt und hatte die Pfeife zwischen die Zähne geklemmt. Er sah nicht auf, und Joseph blieb unbeweglich stehen.
Seit acht Tagen war Maigret schlechter Laune und seine Mitarbeiter betraten das Büro nur auf Zehenspitzen. Er war übrigens nicht der einzige Mensch in Paris, der schlecht gelaunt war. Und auch nicht der einzige Mensch in Frankreich, denn niemand konnte sich erinnern, je einen so regnerischen, kalten und trostlosen März erlebt zu haben.

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10 Ausgaben - erste Ausgabe: 1957 - letzte Ausgabe: 2009

Maigret erlebt eine Niederlage / Kiepenheuer & Witsch

1957

Maigret erlebt eine Niederlage
Kiepenheuer & Witsch (K20)
Übersetzung: Isolde Kolbenhoff

Kein Cover vorhanden

1961

Maigret erlebt eine Niederlage
in »Maigret hat Angst/Maigret erlebt eine Niederlage/Maigret auf Reisen«
Büchergilde Gutenberg/Volksbuchverlag Wien

Kein Cover vorhanden

1967

Maigret erlebt eine Niederlage
Heyne (K20)
Übersetzung: Isolde Kolbenhoff

Maigret erlebt eine Niederlage / Aufbau

1974

Maigret erlebt eine Niederlage
in »Maigret erlebt eine Niederlage/Maigret hat Angst«
Aufbau (bb 296)
Übersetzung: Isolde Kolbenhoff

Kein Cover vorhanden

1978

Maigret erlebt eine Niederlage
in »Maigret erlebt eine Niederlage/Maigret hat Angst«
Ex Libris

Kein Cover vorhanden

1978

Maigret erlebt eine Niederlage
in »Zwei Maigrets in einem Band«
Diogenes
Übersetzung: Elfriede Riegler

Kein Cover vorhanden

[1981]

Maigret erlebt eine Niederlage
in »Maigret erlebt eine Niederlage/Maigret hat Angst«
Buchgemeinschaft Donauland/Bertelsmann-Club/Buch- und Schallplattenfreunde/Europäische Bildungsgemeinschaft

Kein Cover vorhanden

1983

Maigret erlebt eine Niederlage
Diogenes (detebe 21120)
Übersetzung: Elfriede Riegler

Kein Cover vorhanden

1991

Maigret erlebt eine Niederlage
Diogenes (detebe 21120)
Übersetzung: Elfriede Riegler

Maigret erlebt eine Niederlage / Diogenes

2009

Maigret erlebt eine Niederlage
Diogenes (detebe 23849 (MA 49))
Übersetzung: Elfriede Riegler