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Die Verbrechen meiner Freunde

Freunde? Simenon schreibt Freunde, also nicht einfach eine »komische« Übersetzung des Titels. Auch betrachtet er sie auch als Freunde, obwohl er sich schon sehr lange von ihnen gelöst hat und nur noch aus der Distanz auf die Ereignisse blickt, die sich abspielen.

Es geht um drei, vier Verbrechenskomplexe in der Heimatstadt Simenons – Lüttich. Das erste Verbrechen kommt Maigret-Lesers sehr bekannt vor. Es wird in der Erzählung »Maigret und der Gehängte von Saint-Pholien« schon behandelt. Während in dieser Erzählung das Opfer K. ist, wird er in der Maigret-Erzählung als Klein postuliert. Eigentlich ist es auch kein Mord im eigentlichen Sinne, es geht umd die Unterlassungssünden seiner »Freunde«, denn nach einer durchzechten Nacht, findet man K. erhängt in der Kapelle. Vorher war er Teil einer Clique, die sich bis spät in die Nacht die Köpfe heiß redete, die Welt verbessern wollte. Die Ideen fußten aber auf der Kraft der Inspiration, die einem Alkohol und Äther verschafft. K. ist wohl der labilste Charakter der Runde und schließt sich einem Mitglied der Runde an, welches, was Drogen angeht, noch einen Schritt weitergeht.

Ich ahnte nichts, dabei waren meine Freunde Mörder! Auch einige Jahre später ahnte ich nicht, als ich Kriminalromane zu schreiben begann, das heißt Geschichten von erfundenen Verbrechen, während jene, mit denen ich gelebt, dieselbe Luft geatmet, dieselben Freuden geteilt, dieselben Vergnügungen genossen und über die dieselben Dinge diskutiert hatte, auf einmal richtige Morde begingen.

Abbildungen zu »Die Verbrechen meiner Freunde« (insgesamt: 1)
Die Verbrechen meiner Freunde - Diogenes – 1994

Das Buch ist stark autobiographisch geprägt und enthält nicht nur die Beschreibung der Verbrechen und wie es dazu kam, sondern auch eine sehr gute Beschreibung der Zustände während des ersten Weltkrieges in Belgien und wie die Heranwachsenden mit dieser Situation umgingen oder besser gesagt, wie sie sich mit den Gegebenheiten arrangierten. Wenn man Simenon so liest, ist dabei eine kaputte Generation herausgekommen. Ist es so, dass diese Generation aber nicht weiter auffiel, weil die Generation mit dem, was sie im zweiten Weltkrieg erlebte, noch einmal eins draufgesetzt bekam?

Der Titelheld macht seinen Weg, immer haarscharf an der Kante zum Verbrechen, aber durch die mahnenden Blicke und Worte seiner Mutter, auch wenn er es nicht zugibt, zurückgehalten. Aber es war auch Glück dabei. Dieses Glück hatte Deblauwe nicht, der ein ganzes Stückchen älter schien und mit dem der Held der Erzählung eine Zeitung in Lüttich gründete, die es sich zu Aufgabe machte humoristische Artikel zu veröffentlichen, die alle von einem geschrieben wurden — und das war nicht Deblauwe. Der setzte als Verleger nur einzelne Artikel in die Zeitung, die nichts mit dem Zeitgeschehen zu tun hatten und, so die Meinung des Chefschreibers, keinerlei Humor aufzeigten. Mussten sie auch nicht, es waren schlicht kleine erpresserische Artikel, die dort erschienen, immer mit der Drohung versehen, man könnte ja noch mehr veröffentlichen. Dieser Deblauwe bringt später einen Menschen um.

Bei dem Zweiten, der als Freund beschrieben wird, aber wahrhaftig keiner ist, handelt es sich um Danse. Der tritt in das Blickfeld des Titelhelden als Buchhändler, der Bücher von den Schuljungen aufkauft. Später hat er die Berechtigung der Besatzungsmacht Frauen von der Straße zu holen und zu untersuchen. Man fragt sich schon, warum er sich immer die ganz jungen holte. Aber übersteht locker den Abzug der Besatzungsmacht zum Ende des Krieges ohne als Kollaborateur gebrandmarkt zu werden, nein, er verlegt sich darauf, Oden auf die Weltkriegshelden zu schreiben und diese zu veröffentlichen – es versteht sich, dass er diese nicht auf die deutschen, geschlagenen Helden schrieb. Nachdem der Erzähler ausgestiegen ist aus der Nanesse, so hieß die Zeitung, fing der Buchhändler in der Zeitung an und der Ton wurde wesentlich wilder. Von dezenten, kleinen Artikeln, die an die Oberen von Lüttich gerichtet waren, trat ein denunzianter Ton, der jeden Treffen konnte. Die Zeitung schüttet Jauche über der Stadt aus. Auch Danse kommt zu Fall.

Ein Buch, dass man als Simenon-Freund gelesen haben muss.

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fakten Fakten

Originaltitel:

Les trois crimes de mes amis

Entstehungsjahr:

1937 (Januar)

Erscheinungsjahr:

1938

Entstehungsort:

Paris

Verlag:

Gallimard

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Erste Worte

Meinungen (1)

Biblio

Die Verbrechen meiner Freunde. Autobiographischer Roman.
Diogenes Verlag
Broschiert
160 Seiten
8 gebrauchte Exemplare ab EUR 0,79

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Es ist verwirrend! Ursprünglich – was sage ich? – jetzt eben noch, als ich meinen Titel schrieb – wollte ich meine Erzählung wie einen Roman beginnen lassen, mit dem Unterschied, dass er diesmal auf Tatsachen beruhen sollte.
Da entdeckte ich plötzlich, wie lebensfremd der Roman im Grunde ist, das er das Leben nie wirklich wiedergeben kann, und zwar deshalb, weil er an einem Punkt anfängt und an einem anderen aufhört.

Saint-Fiacre

Seitdem ich vor gut fünf Jahren Simenon für mich entdeckt habe, befällt mich etwa zweimal pro Jahr der Drang, ihn zu lesen. In aller Regel bleibt es dann nicht bei einem Buch, sondern ich lese dann bis zu zehn seiner Werke hintereinander weg. Ich gerate dann jeweils in diesen “Simenon-Rausch”, der sich schwer greifen lässt, aber vermutlich damit zu tun hat, dass über große Teile seines Oeuvres zwar die - qualitativ durchaus unterschiedlich ausfallenden - Werke als einzelne gelesen werden können, letztlich aber (auch) jedes Werk als Steinchen eines großen Mosaiks betrachtet werden kann, das insgesamt eine große Variation über grundlegende Themen menschlicher und zwischenmenschlicher Befindlichkeit(en) und Abgründe darstellt.

Im Zuge meiner regelmäßig wiederkehrenden Simenon-Lektüren habe ich mir inzwischen diverse Schneisen durch sein beeindruckendes Gesamtwerk geschlagen - beginnend (natürlich) mit den Maigrets, mehr und mehr dann aber in Bann genommen von den “Romans durs” (leider allzu oft pauschal als “Non-Maigrets” tituliert, was ihnen den Anschein von mehr oder weniger relevanten “Nebenprodukten” zum kriminalbelletristischen Schaffen des Autors verleiht). Ich kenne die allermeisten Maigrets, schätze Simenon aber eigentlich insbesondere aufgrund seiner “Romans durs” (seiner “harten Romane”, wie er sie selbst nannte). Eine Reihe von Themen, die in den Maigret-Romanen als Schicksale, Ab- und Hintergründe einzelner Figuren angerissen werden, werden erst in den “Romans durs” von Simenon voll entfaltet und in vielfältigen Variationen reflektiert. Der Autor nähert sich dabei Themen wie Sozialisation, Zorn, jugendlicher Schwärmerei und Abenteurertum, Freundschaft, Missgunst, Trieb, Altern, Macht, Liebe, der Fragilität und Hintergehbarkeit sozialer Verhältnisse und menschlicher Beziehungen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven und vor ganz unterschiedlicher Kulisse (wobei die Großstadt, das Landleben und die Südsee besoders häufig wiederkehren).

Der hier vorliegende “autobiagraphische Roman” stellt in gewisser Hinsicht ein Bindeglied zwischen den “Romans durs” und den Simenon-Romanen dar, insofern verschiedene - von Simenon offensichtlich als junger Mensch selbst erlebte - Begebenheiten die Vorlage für Teile des Szenarios des Maigret-Romans “Der Gehängte von St. Pholien” lieferten. Der Roman zeigt - wie nicht wenige Werke in Simenons Oeuvre - Spuren rascher, partiell spontaner Abfassung, sowohl was den Aufbau als auch was die stilistische Ausführung anbetrifft. Stellenweise erscheinen einzelne Passagen und Erzählstränge nahezu assoziativ aneinandergereiht. Dennoch erzählt der Roman - in durchaus packender Weise - eine kohärente Geschichte mehrerer Personen, die im Leben des frühen Simenon eine Rolle spielten (mit Simenon selbst als Ich-Erzähler, der mal im Zentrum, mal eher als Beobachter am Rand der berichteten Ereignisse steht). Man findet darunter Blaupausen für verschiedene Figurentypen, die uns in den “Romans durs” und den Mairet-Romanen begegnen - die schwärmerisch-getriebenen jugendlichen Künstlerdilettanten, den beständig zu seinem eigenen Vorteil agierenden, die Gutmenschenfassade wahrenden Sonderling, von Gier und Begierde getriebene rastlose Existenzen. Gerade aufgrund seiner offenbar raschen Ausführung gewinnt der Roman jedoch etwas zutiefst Packendes, Authentisches - und kreist dabei immer wieder um die Frage, wie und warum jemand zum Mörder wird. Auf zweiter Ebene skizziert der Roman anhand einzelner Figuren die Befindlichkeiten einer Generation, die ihre Kindheit im 1. Weltkrieg erlebte und unter der Bedingungen der Nachkriegszeit heranwuchs. Der Autor bleibt dabei letztlich mehr Beobachter und Chronist der Ereignisse und hält sich mit Bewertungen und Deutungen weitgehend zurück. Stattdessen zeigt er uns Figuren mit psychologischer Tiefe und Komplexität - so dass, wie auch bei vielen Maigret-Romanen und “Romans durs”, letztlich derjenige, der faktisch ein (mehrfacher) Mörder ist, als jemand gezeichnet wird, den moralisch zu verurteilen - wie widerwärtig er auch vom Autor vorgestellt wird und dem Leser erscheint - gar nicht so leicht fällt (wiewohl die Widerwärtigkeit der Taten vom Autor keineswegs durch einen plumpen Rückgriff auf Argumente we “Die Verhältnisse haben ihn dazu getrieben” entschuldigt wird). Letztlich führt Simenon uns - wie in vielen seinen Werken und insbesondere in den “Romans durs” - Menschen vor. Auch der Mörder ist ein Mensch mit einer Geschichte. Die Frage, was Menschen zu Menschen und was einige Menschen (in bestimmten Zeiten mit bestimmten Charaktermerkmalen) zu Mördern macht, bleibt offen - das Finden einer Antwort (wenn es denn so leicht wäre) und einer Bewertung der vorgestellten Figuren dem Leser überlassen.

Der Roman hat stilistische Schwächen, gerade die offensichtliche Raschheit der Konzeption wie auch der Niederschrift ist dabei zugleich eine Stärke: Wenig wird künstlerisch überformt, man gewinnt den Eindruck, als habe sich Simenon - wie so oft - hingesetzt und ganz spontan und in einem Zug diese Teile seiner eigenen Biographie in loser Romanform heruntergeschrieben. Verschiedentlich hätte der Roman dadurch noch gewinnen können, einzelne Figuren (z.B. den “kleinen Maler K.”, Simenons Journalistenkollegen Deblauwe oder den “Fakir”) mit ihren Befindlichkeiten und Hintergründen ebenso detailliert und ambivalent auszuleuchten wie die Figur des Hyacinthe Danse, auf dem ein Hauptfokus liegt. Doch , wie eingangs erläutert: Sehen wir auch diesen Roman als Mosaiksteinchen zu einem großen Ganzen - zudem als eines, dem in verschiedener Hinsicht (nämlich für ein autobiographisch gestütztes Verständnis bestimmter Figuren-Grundtypen, die in diversen von Simenons anderen Romane auftreten) die Funktion eines Schlüsselsteinchens eingeräumt werden kann.

Wen Biograpien abschrecken, dem sei gesagt, dass dieses Werk sich viel mehr wie ein Roman und nicht wie eine Biographie liest. Man kann beim Lesen sehr gut vergessen, dass der Inhalt sich aus Simenons früher Biographie speist. Denkt man sich Letzteres hinzu, ist es für den passionierten Simenon-Leser doppelt spannend und reizvoll. Doch auch als “bloßer” Roman ist das Buch durchaus packend - und auch in gewisser Weise anrührend.

Saint-Fiacre am 23.03.2012

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1994

Die Verbrechen meiner Freunde
Diogenes (detebe 22692)
Übersetzung: Helmut Kossodo