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Enttäuschung? Nein, das habe ich eigentlich nicht gespürt. Ich war überrascht. Und meine Herangehensweise war nicht unbelastet. Es lässt sich schwer erklären. Ich hatte Ausschnitte aus dem Film gesehen, aber nicht so, dass ich sagen könnte, ich wüsste, worum es in der Geschichte ging. So, wie man hin und wieder in einen Film hineinzappt: in einem solchen Fall darf man sich auch kein Urteil erlauben. So kam es zu meiner Überraschung, denn die Geschichte entwickelte sich ganz anders, als ich es vermutet hätte.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht Marcel Féron, Rundfunkmechaniker. Die großen Abenteuer seines Lebens schien er schon hinter sich zu haben. Seine Mutter kam eines abends nackt und geschorren nach Hause, aufgebracht, man versteht es. Die Strafe dafür, dass sie sich mit Besatzern während des ersten Weltkrieges eingelassen hatte. Der Vater verkraftet die Schmach nicht, ertränkt seinen Gram im Suff. Der Sohn, heute wird man sagen, vielleicht eine psychosomatische Reaktion, wird lungenkrank und wird für viele Jahre in ein Sanatorium geschickt. Nach seiner Wiederkehr, gesund zwar, verstirbt sein Vater und eine wohlhabende Frau nimmt sich seiner an. Er heiratet eine nette Frau, bekommt eine Tochter mit ihr und zum Zeitpunkt des Beginns dieser Geschichte, ist das zweite Kind im Anmarsch.
Ebenfalls im Anmarsch waren die Deutschen. Am 10. Mai 1940 überschritten sie die Grenzen zu Holland, Belgien und Luxemburg. Zivilisten aus Belgien und Holland überschritten daraufhin ebenfalls Grenzen, meist nach Frankreich. Die Flüchtenden sollten irren, wenn sie sich in Frankreich sicher wähnten. Denn zweite Tage später machten sich die Deutschen auch über Frankreich her. Viele Franzosen ahnten dieses wohl schon und hatten sich schon am 10. Mai auf die Flucht gemacht, so auch die Familie Féron, wenn auch sehr widerwillig.
Sie haben Glück: am Bahnhof von Fumay, dem Wohn- und Geburtsortes Marcel Férons wird ein Zug bereitgestellt, der die Stadtbewohner, die es wünschen, evakuiert. Die Alten, Kranken und Frauen mit Kindern kommen in die Personenwagen, die anderen werden in Vieh- und Güterwaggons untergebracht. So werden Féron und seine Frau getrennt. Sehen sie sich anfangs noch und kann sich Féron noch um seine Frau kümmern, um sie mit Wasser zu versorgen, merken die Güterwagen-Reisenden nach einem Stop in der Nacht, dass sie von dem Rest des Zuges getrennt worden sind. Die Fahrt, war kein Zuckerschlecken, sollte sich für Féron aber zu einem großen Abenteuer entwickeln. Der Zug wird beschossen, es gibt Tote, auch der Zugführer stirbt. Man diskutiert über das Problem, denn irgendwie muss man weiterkommen. Der Zug fährt nur über Nebenstrecken, die Hauptstrecken sind in der Zeit dem regulären Verkehr und natürlich den Truppentransporten vorbehalten.
In einem Wagen mit Féron reist Anna. Während er einigen im Wagen kennt, weil sie in der gleichen Stadt wohnen, oder er ahnt, dass sie aus seiner Umgebung kommen, kennt er Anna nicht. Sie reist allein und ohne Gepäck. Sie schmiegt sich in die Ecken. Während andere Frauen sich der Männer zu erwehren haben, bleibt Anna unbehelligt. Der Zufall, eine nette Geste Férons, bewirkt, dass sich die beiden näher anfreunden, sich sehr nahe kommen. Er hat seine Frau in den Wirrungen verloren, was Anna verloren hat, bleibt lange ungesagt. Sie beschließen (oder besser gesagt: sie beschließt), die Flucht gemeinsam zu bestehen. Während man bei Féron das Gefühl hat, dass er eine neue Partnerin gefunden hat, das erst mal im Übrigen eine, die er sich selbst ausgesucht hat, vermittelt sie einem das Gefühl, einen Beschützer gefunden zu haben.
Der Bericht ist allerdings sehr parteiisch. Féron hatte ihn viel später aufgeschrieben. Eine Art Rechtfertigung, die den Leser sehr zwiespältig hinterlässt. Der Mann erscheint, obwohl er eigentlich bis zum Kriegsausbruch ein gutes Leben führte, als Verlierer. Nun findet er in der Not Glück. Man gönnt es ihm, obwohl man weiß, dass eine schwangere Frau mit der Tochter ebenfalls durch Frankreich irrt, nicht wissend wo sie lange. Man ergötzt sich an der Liebesgeschichte zwischen der riesigen Not, die Marcel und Anna umgibt.
Die beiden werden von Seite zu Seite immer glücklicher. Halbherzig schaut Féron nach seiner Frau Ausschau. Aber mag man als Leser wirklich das traute Glück unterbrochen wissen? Nein.
Aber diese Schilderung aus der Feder des Rundfunkmechanikers ist parteiisch. Man erahnt nicht, wie es Anna bei der ganzen Geschichte ergeht. Die junge Frau, Halbjüdin, wie sie später bekennt, ist mehr auf der Flucht als Marcel Féron. Im Gegensatz zu ihr ist Féron ein Wirtschaftsflüchtling. Wenn ich mir das Ende der Geschichte anschaue, dass ich hier nicht vorwegnehmen möchte, komme ich zu dem Schluss, dass Féron das Glück nicht verdient hat. Mir kam es vor, als hätte er mich während der Geschichte die ganze Zeit an der Nase herumgeführt.
Ein großes Rätsel ist mir, wie man diesen Roman, der aus einem Minimum an Dialogen besteht, verfilmen konnte. Simenon ist ein großer Meister, die Sprachlosigkeit des Féron zu zeigen. Aber was will man mit Sprachlosigkeit im Film? Oder in einem Hörspiel, welches von der Geschichte ebenfalls existiert?
Fakten
Originaltitel: | Le train |
Entstehungsjahr: | 1961 (März) |
Erscheinungsjahr: | |
Entstehungsort: | Échandens |
Verlag: | Presses de la Cité |
Cinema & TV
Le Train
[Nur ein Hauch von Glück]
1973 - Frankreich/Italien
ein Film von Pierre Granier-Deferre
produziert von Ramond Danon
mit Romy Schneider [Anna Kupfer],
Jean-Louis Trintignant [Julien Maroyeur]
Für die Ohren
Der Zug
1966 - SWF
von Peterpaul Schulz
Nicht so fern...
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6 Ausgaben - erste Ausgabe: 1963 - letzte Ausgabe: 2013
![]() | 1963 Der Zug |
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