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Der Bananentourist

Man hätte es sich eigentlich denken können: Oscar Donadieu war in dem Roman »Das Testament Donadieu«, eine der Figuren, die sich immerfort am Rande des Geschehens bewegten, nie ganz Hauptfigur waren, aber trotzdem von einer gewissen Wichtigkeit. Der junge Donadieu war der Aussteiger in der Familie, der sehr früh von zu Hause ausriss, und in Amerika bewies, sein Überlebensgeschick bewies. Wenn man sich seinen Weg so besah, konnte man glauben, dass er sein Glück gefunden hatte - in der Einfachheit.

Abbildungen zu »Der Bananentourist« (insgesamt: 2)
Der Bananentourist - Diogenes - 2011 Der Bananentourist - Diogenes - 1988 - detebe 21679

Die Geschichte beginnt zu einem Zeitpunkt, da der Selbstmord Oscars Schwester Martine eine Weile zurückliegt. Das Reederei-Imperium der Donadieus ist endgültig zusammengebrochen und Oscar hatte die letzten Monate damit verbracht, den Nachlass seiner Schwester und seines Schwagers in Ordnung zu bringen. Viel war nicht übrig geblieben und die Hinterbliebenen lebten in bescheidenen Verhältnissen.

Oscar hatte sich entschlossen, auszusteigen: Als Ziel wählte er Tahiti. Schon die Überfahrt wurde für ihn zur Qual. Er wird stetig daran erinnert, dass die Donadieus mal wer waren: einige Gäste verdankten ihre Karriere seinem Vater, der ebenfalls Oscar hieß (und zu Beginn der ersten Geschichte, ins Hafenbecken von La Rochelle fiel und ertrank). Diese »Günstlinge« (was nicht negativ gemeint ist) waren sich unsicher, wie sie sich gegenüber dem Sohn zu verhalten hatte. Jedem waren die Geschichten um die Affäre Donadieu im Gedächtnis haften geblieben, die einen Makel darstellten. Der dunkle Fleck hatte aber nichts damit zu tun, dass sie es mit dem Sohn eines berühmten Reeders zu tun hatten, dem sie mit Respekt begegnen mussten. Bei vielen war es das Problem Mitleid, jetzt, da sie sahen, dass der Nachkömmling abgestiegen war und nur zweiter Klasse nach Tahiti reiste.

Dann kommt es kurz vor Tahiti zu einer erstaunlichen Begegnung. Das Schwesterschiff der »Ile-de-Ré« übergab eine außergewöhnliche Fracht: ihren Kapitän. Der hatte sich kurz nach Beginn der Reise entschlossen, einen seiner Offiziere zu erschießen, da dieser eine Affäre mit seiner Geliebten hatte. Kapitän Lagre hatte seine Laufbahn in der Reederei Donadieu begonnen und Oscar Donadieu Jr. war Taufpate eines Kindes von Lagre. Oscar war sich ziemlich sicher, dass der Kapitän sich jetzt nicht mehr daran erinnern würde. Er probiert trotzdem Kontakt aufzunehmen, das einzige Mal während der Reise. Die Reaktion Lagres kann man distanziert nenne, wenn nicht sogar abwesend.

Mit der Ankunft der »Ile-de-Ré« kommen den Gouverneur von Tahiti gleich zwei Probleme zu: zum einen hat er es mit Lagre zu tun, einem Mörder, für dessen Prozess er zu sorgen hat. Mord war bisher auf der Insel kein großes Thema, weshalb die Gerichtsbarkeit für solch einen Prozess nicht gewappnet war. Ein zusätzliches Problem war, dass Lagre ein Weißer war und das Gefängnis nicht für einen weißen Langzeitgefangenen gedacht war (wenn ich es richtig verstanden habe, gab es gefängnismäßig unterschiedliche Standards - Franzosen aus dem Heimatland wurden besser behandelt). Als ob das nicht schon ein großer Happen wäre, muss auch noch Donadieu auftauchen. Denn auch der Gouverneur fühlt sich dem Reeder-Sohn verpflichtet.

Der hat derweil Pläne, die sich mit denen des Gouverneurs überhaupt nicht decken. Er verbringt die Tage bis zum Ende der Regenzeit in der Stadt und macht sich dann auf den Weg in das Inselinnere. Sein Plan besteht darin, im Einklang mit der Natur zu leben. Die Insulaner haben für solche Leute einen Namen: »Bananentouristen«. Sie lächeln über die Ankömmlinge, die glauben von Luft und Liebe leben zu können, die den harten Alltag in der Wildnis unterschätzen. Viele kommen nach wenigen Wochen wieder in die Stadt, werden bei den Behörden vorstellig und bitten um Unterstützung, wieder in die Heimat zurückkehren zu können.

Donadieu, so scheint es, hatte es richtig angepackt. Er hatte ein herrliches Plätzchen gefunden: Über einem Wasserfall mit einem prächtigen Blick über die Insel. Mit der harten Realität hatte aber auch Donadieu zu kämpfen: er musste erfahren, dass man nicht alle Fische essen konnte - Fische, die er mühsam gefangen hat. Was am Tag Herrlichkeit bedeutete, die Einsamkeit und die Möglichkeit die Natur unverfälscht zu genießen, erwies sich in der Nacht als sehr beunruhigend. Der Aussteiger wusste sehr wohl, dass es keine giftigen und gefährlichen Tiere auf der Insel gab, aber selbst wenn auf solche eine Information Verlass war, hieß das noch lange nicht, dass man persönlich beruhigt war. Donadieu war es jedenfalls nicht.

Der Gouverneur lässt die Donadieu-Angelegenheit ebenfalls keine Ruhe. Der sendet Donadieu einen »Gesandten«, der Überzeugungsarbeit leisten soll, auf dass der Neu-Tahitianer in die Stadt kommt und eine zivile Stelle annimmt. Die Wahl des »Gesandten« war vielleicht nicht geschickt gewählt. Raphaël, der Gesandte, erzeugte in Donadieu ein Gefühl der Ablehnung, er weigert sich schlichtweg in die Stadt zu kommen. Steif und fest behauptet er, er würde sehr gut zurecht kommen. Donadieu schämt sich nicht, zu lügen.

Allerdings hat der »Gesandte« einen Trumpf in der Hinterhand: seine Begleiterin. Tamatéa war die Geliebte des Gerichtspräsidenten, sie hatte eine Affäre mit dem Raphaël, zu dem zum Mörder gewordenen Kaptiän Lagre und dessem Opfer. Auch Donadieu verfällt innerhalb weniger Stunden der Eingeborenen, die diese außerordentlich intensiven gesellschaftlichen Beziehungen pflegte.

Es nimmt kein gutes Ende, so viel sei verraten. Man könnte fast glauben, dass Simenon Oscar Donadieu jr. vergessen hatte, ein schreckliches zu »verpassen« und ihn deshalb noch einmal nach Tahiti schickte. Es ist kein »Muss«-Roman, aber die Geschichte ist gut lesbar. Die Geschichte des Kapitäns, der zum Mörder, und die Schilderungen des Lebens auf der Insel sind gut in die Geschichte Donadieus integriert. Interessant wird die Geschichte durch die Tatsache, dass Simenon auch in diesem Roman eigene Erlebnisse und Beobachtungen verarbeitet haben dürfte. Aussteigen bringt kein Glück, könnte auch die Moral dieser Geschichte heißen. Ein weiteres abschreckendes Beispiel ist in dem Roman »... die da dürstet« zu finden.

Abschließend: es ist interessant, dass Edmond, der Lehrer und Begleiter Donadieus, in diesem Roman überhaupt keine Erwähnung findet. Und: Es gab schon mal einen Donadieu, der Schiffsarzt in »45° im Schatten«, der allerdings keine verwandschaftlichen Beziehungen zu den Reederei-Donadieus hatte, denn sonst hätte es Simenon sicher erwähnt.

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fakten Fakten

Originaltitel:

Touriste de bananes

Entstehungsjahr:

1937 (Juni)

Erscheinungsjahr:

1938

Entstehungsort:

Porquerolles

Verlag:

Gallimard

nicht so fernNicht so fern...

Paradiesische Zustände

Im Tahiti der dreißiger Jahre war die Welt noch in Ordnung. Mit wenig Geld konnte man sich in einem Paradies niederlassen und das Leben in der freien Natur genießen. Die Aussteiger der Welt ließen sich auf der traumhaften Welt nieder und sangen »Pour la vie«.

Das Testament Donadieu

Wieder einmal La Rochelle. Diesmal steht die Familie Donadieu im Mittelpunkt des Geschehens. Der alte Donadieu ist im Hafenbecken ertrunken und hinterlässt ein Testament, welches die Kinder erfreuen dürfte, die Ehefrau des alten Reeders wurde von ihm allerdings enterbt - ein Skandal. Simenon beschreibt, wie die Familie nach und nach auseinander bricht, wie all das, was über Generationen aufgebaut wurde, von einer einzigen durchgebracht wird. Die Chronologie des Versagens einer Gemeinschaft.

Hotel »Zurück zur Natur«

Aussteiger sind ein ganz eigenes Völkchen. Dr. Müller mochte das asketische Leben in der Einsamkeit. Dumm nur, dass er darüber Zeitungsartikel verfasst hatte und diese in seine Heimat geschickt hatte. Damit lockte er Neugierige an. Die Katastrophe bricht über die Inselbewohner herein, als sich eine Gräfin auf der Insel niederlässt, die mit den natürlichen Gegebenheiten nicht umgehen kann.

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Siebenunddreißig Tage waren vergangen, seit das Schiff, die »Ile-de-Ré«, Marseille verlassen hatte; bei der Abfahrt hatte Frost geherrscht, und als man aus Gibraltar auslief, waren, von zwei Ausnahmen abgesehen, alle Passagiere krank gewesen; nach der Eintönigkeit der Atlantikdünung hatte man sich in die Tanzvergnügen Guadeloupes gestürzt, und selbst der Missionar, der Zweiter Klasse reiste, hatte Zivilkleidung angelegt, um Familie Nicou zu begleiten; in Panama hatten die Damen Parfum gekauft, das dort billiger ist als überall sonst, und beim Durchqueren des Kanals hatte man, wie es Tradition ist, auf Deck gespeist; das Schiff näherte sich den Antipoden, man hatte von fern die Galapagos gesehen, hatte Pelikane und Fliegende Fische fotografiert; Muselli, der Administrator aus der Ersten Klasse, der auf der Hawaiigitarre spielen konnte, hatte einen auf Kinderfaustgröße geschrumpften Indianerkopf gekauft; man war am anderen Ende der Welt, und das Schiff zerschnitt mit dem Surren einer Werkzeugmaschine geduldig die allzu glatte, allzu glänzende Fläche des Pazifik, die den Passagieren dunkle Brillen aufzwang; die Linie auf der Karte im Salon der Ersten Klasse wurden jeden Tag ein wenig länger und würde bald die winzigen Punkt der Marquesas berühren; sei siebenunddreißig Tagen befand man sich nicht mehr in Frankreich und auch nirgendwo sonst. Und doch war Sonntag.

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2 Ausgaben - erste Ausgabe: 1988 - letzte Ausgabe: 2011

Der Bananentourist / Diogenes

1988

Der Bananentourist
Diogenes (detebe 21679)
Übersetzung: Barbara Heller

Der Bananentourist / Diogenes

2011

Der Bananentourist
Diogenes (detebe 24111)
Übersetzung: Barbara Heller