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So falsch nicht
Blue schrieb am 19.10.2012
Finding this post sovels a problem for me. Thanks!
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Das zweite Leben
Saint-Fiacre schrieb am 24.03.2012
Bevor ich die letzten drei Seiten dieses Romans gelesen habe, hatte ich bereits eine nahezu vollständige - und sehr positive - Bewertung des Buches vor Augen. Durch die Lektüre der letzten drei Seiten bin ich nun aber etwas im Zweifel, wie ich das Gesamt des Gelesenen beurteilen soll, erscheint mir doch das Ende als sehr abrupt, unzureichend motiviert und - insbesondere mit Blick auf die Behutsamkeit, mit der Simenon über die davor liegenden gut 200 Seiten hinweg die innere Entwicklung seines Protagonisten “organisch” sich entwickeln lässt - als irgendwie hastig an das Ende der ansonsten beeindruckenden Erzählung geschustert. Wollte der Meister hier wieder einmal - wie leider häufiger - plötzlich rasch fertigwerden, weil schon wieder Ideen für 14 weitere Romane in seinem Kopf auf Papierwerdung drängten?
Möglicherweise tue ich dem Roman(ende) auch unrecht; eventuell werde ich mit etwas Abstand von der Lektüre (Ich habe das Buch soeben erst zugeklappt) zu einem anderen Urteil kommen. Nur so viel sei dazu angemerkt: Das Scheitern des “zweiten Lebens” hätte nach meinem derzeitigen Dafürhalten durchaus eindrücklicher vor Augen geführt werden können, hätte der Meister ein weniger eindrückliches Ende gewählt - will sagen: hätte er seinen Protagonisten zu guter Letzt - zwar widerstrebend, aber resigniert - in diejenigen Zwänge und sozialen Konstrukte zurückkehren lassen, aus denen er sich zuvor emanzipiert zu haben glaubte (sozusagen Camus’ “Rückkehr in die Kette”). Als Leser hätten wir dann absolut geglaubt, wie unbefriedigend Donalds weiteres Leben von da an verlaufen wäre. Da er seine Emanzipation - selbst auf dem Höhepunkt seiner Affäre mit Mona - letztlich aber nur innerlich, für und vor sich selbst, nie jedoch äußerlich vollzieht (Die Scheidung steht für ihn nie zur Debatte), wäre ein solches Ende aus dem bisherigen Gang der Ereignisse eigentlich geradezu zwingend abzuleiten gewesen. Wenn man bedenkt, wie viel Reflexion und - z.T. mehrfach hin- und hergewälzter - kleiner Entscheidungen Donald bedarf, um überhaupt nur ernsthaft in Betracht zu ziehen, das erste Mal nach New York zu fahren (und das letztlich auch erst nach wiederholter Ermunterung durch seine Gattin in die Tat umzusetzen), so ist es schwer begreiflich, weshalb dieselbe Figur auf den letzten drei Seiten des Romans dann ganz plötzlich so agiert wie sie agiert. Der Schluss reiht sich natürlich in eine ansehnliche Reihe ähnlicher Romanenden im Werk Simenons - dadurch muss es hier aber noch lange nicht gut sein.
Dennoch: Lässt man das Ende mal beiseite, so handelt es sich bei diesem Roman um eine sehr eindrucksvolle Beschreibung einer Krise im Leben eines Mittvierzigers. Ich will sie nicht “Midlife Crisis” nennen, da das allzu viele Klischees heraufbeschwört, die auf diese stellenweise sehr tiefgründige und reife Schilderung einer Sinnkrise anzuwenden der Leistung des Autors nicht gerecht würde. Weite Teile des Romans sind im Grunde ein großer innerer Monolog. Simenon lässt die äußere wie die innere Handlug sich sehr langsam entwickeln und gibt damit der Geschichte wie auch den Reflexionen sowie der Selbst- und der Außenwahrnehmung seines Protagonisten Raum, sich “organisch” zu entfalten. Hier erscheint nichts, wie in manch anderen Romanen des Autors, rasch heruntergeschrieben; die Reflexionen und der Umbruch in der Selbstwahrnehmung des Protagonisten werden nachvollziehbar aufgebaut, erstaunlich ist das Gespür Simenons fürs Detail, insbesondere bei der Beobachtung und Interpretation der Verhaltensweisen anderer. Immer wieder drehen sich die Gedankengänge Donalds, ausgehend von den jeweils aktuellen Ereignissen, um das Nicht-Kommunizieren zwischen ihm und seiner Ehefrau Isabel (Blicke, Gesten, das Umgehen direkter Kommunikation durch Rituale).
Letztlich handelt es sich um die Geschichte einer Entfremdung - von der eigenen Ehefrau, von den vertraut gewordenen Bahnen, in denen das eigene Leben seit Jahren verläuft. Dabei drängt es einen beim Lesen des öfteren zum Gedankenexperiment, wie wohl derselbe Roman geschrieben aus der Sicht Isabels aussähe. Denn nicht nur Isabel, mit der er seit siebzehn Jahren verheiratet ist, ist mit ihrem Verhalten Rätsel, Mysterium, vertraute Fremde und Anlass zu allerlei Hypothesen für Donald - umgekehrt scheint es, zumindest soweit Donalds Verhaltensweisen seiner eigenen Wahrnehmung zufolge durch Isabel gespiegelt bzw. mit Reaktionen erwidert werden, dass Donald für seine Ehefrau in gleicher Weise Rätsel und Fremder ist - der sich, ausgelöst von dem Tod seines besten Freundes im Blizzard, Schritt um Schritt noch weiter von ihr entfremdet.
In Anbetracht des Endes, das mir, wie schon erwähnt, einige Schwierigkeiten bereitet, möchte ich keine abschließende Gesamtbewertung vornehmen. Theoretisch könnte man ohne Verlust vor Abschnuitt 4 des zweiten Teils (bzw. auf S. 207 der diogenes-Ausgabe von 1991) aufhören zu lesen - und hätte eine wirklich eindrucksvolle und sehr gut geschriebene Geschichte einer Entfremdung gelesen, die zum Nachdenken anregt und die in verschiedener Hinsicht Identifikationspotenzial bietet. Die letzten drei Seiten braucht man nicht wirklich, sie machen ratlos und lassen einen - aufgrund des Knalleffekts - dann doch mit einem etwas schalen Nachgeschmack zurück. Aus Sicht dessen, der das Buch eben erst zuende gelesen hat, wäre ich fast geneigt zu sagen: Auf 200 Seiten brillant aufgebaute und in klarer Sprache verfasste innerer Handlung folgt ein 3-seitiges plakatives Groschenromanende. Zusammen ergibt das den schalen Nachgeschmack.
Möglicherweise beurteile ich das Ende ja mit etwas Abstand etwas milder. Sollte das der Fall sein, werde ich zu gegebener Zeit einen Nachtrag zu dieser Rezension verfassen.
P.S.: Ich finde den französischen Originaltitel “La main” (Die Hand) für treffender als den für die deutsche Ausgabe gewählten Titel “Das zweite Leben”. Faktisch macht unser Protagonist keine wirklich ernsthaften Anstalten, ein zweites Leben zu beginnen - ein zweites Leben hängt stattdessen nur die ganze Zeit als mehr oder weniger vage Möglichkeit in der Luft. Die Hand Monas neben der Matratze, auf die der Protagonist in seinen Gednakengängen mehrfach zurückkommt, ist hingegen Symbol gerade für die Möglichkeit, nicht aber für das tatsächlich realisierte zweite Leben. Das zeigt sich schon allein darin, dass Donald die Hand nicht ergreift, sondern sich in Gedanken lediglich mit der Möglichkeit (und ihren Konsequenzen) herumplagt, diese ergreifen zu können. Das Ende - nimmt man es so hin, wie es da steht - kann man natürlich in gewisser Weise als Befreiungsschlag hin zu einem “zweiten Leben” deuten; für mich hingegen stellt es eher eine radikale Variante des Scheiterns dar. (Dass ich die subtilere Variante - die widerstrebende und unglückliche Rückkehr in die vertraut-verhassten Verhältnisse - für reizvoller befunden hätte, habe ich bereits erwähnt.)
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Die Überlebenden der »Telémaque«
Saint-Fiacre schrieb am 23.03.2012
Auch, wenn der Klappentext so gelesen werden kann: Bei diesem Buch handelt es sich bestenfalls vordergründig um einen Kriminalroman. Der “Fall”, um den es geht, wie auch dessen Hintergrundgeschichte (das Unglück der Überlebenden der havarierten Télémaque) sind relativ konstruiert, die Aufklärung ist am Ende simpel und kommt letztlich durch die “normale” Entwicklung der Ereignisse und nicht durch die Brillanz eines Ermittlers ans Licht. Der mehr oder weniger unfreiwillige “Detektiv”, bei dem es sich um den Bruder des Beschuldigten handelt, ist letztlich der eigentlichen Aufklärung des Falles immer ein bis zwei Schritte hinterher; und dann, wenn es darauf ankäme, dass er der Justiz oder den Kriminalbeamten gegenüber sein Wissen preisgäbe oder selbst initiativ würde, um eine Wende herbeizuführen, knickt er stets ein und bleibt schüchtern oder schweigsam. Der Leser, der die Entwicklung der Ereignisse durchgehend aus der Sicht eben jenes Bruders nachverfolgt, ist somit ebenfalls nie völlig auf dem aktuellen Stand der Aufklärung des Falles, und mit zunehmendem Fortschreiten der Handlung hat man eigentlich immer mehr Mitleid mit dem Protagonisten, da man ihm die letztendliche Aufklärung Stück um Stück immer weniger zutraut (wiewohl der Protagonist sich ja auch selbst in den entscheidenden Momenten nichts zutraut und versagt).
Diesen Roman als Kriminalroman zu lesen ist also wenig befriedigend - und von Simenon auch so nicht beabsichtigt. Was diesen Roman vielmehr stark macht, ist die Geschichte zweier ungleicher Brüder, die aus der Sicht des einen, des reflektierteren der beiden, erzählt wird. Dieser Bruder (Charles) findet sich plötzlich in der Rolle wieder, die Unschuld seines Bruders - für den er schon immer alles geregelt hat, der aber vom sozialen Umfeld der beiden weitaus konturierter wahrgenommen und mehr geschätzt wird als er selbst - zu beweisen. Das Ganze spielt - wie so oft bei Simenon - in einer Kleinstadt, einem Fischerort (in verschiedenen seiner Details wohl vergleichbar demjenigen aus dem wundervollen “Die Marie vom Hafen”), mit all den verstrickten (Familien-)Geschichten zwischen den Mitgliedern und Familien der überschaubaren Einwohnerschaft.
Im Zuge der neugewonnen (selbst gewählten) Rolle, die Unschuld seines Bruders Pierre beweisen zu müssen, findet sich unser Protagonist Charles plötzlich dazu veranlasst, - erst zögerlich, dann häufiger - über das Verhältnis zu seinem - zwar gleichen (Zwilling), zugleich aber auch ungleichen - Bruder nachzusinnen. Das Verhältnis ist ungleich einerseits hinsichtlich der Rollen, die beide in der Familie und in ihrer Beziehung zueinander einnehmen, andererseits aber auch ungleich in der Wahrnehmung von außen, durch die kleine soziale Gemeinschaft des Fischerörtchens, in dem Pierre als Kapitän eines Kutters hoch angesehen ist, Charles hingegen eher ignoriert bzw. im Schatten seines Bruders kaum wahrgenommen (und wenn, dann als der kränkliche und farblosere der beiden Brüder beschrieben) wird.
Zu Ende des Romans, der vordergründig - nämlich, wenn man ihn als Kriminalroman liest - eine Wendung zum Guten nimmt (= Pierres Unschuld erweist sich durch die Entwicklung der Ereignisse von selbst und er kommt frei), bleibt man als Leser, der das Geschehen aus der Perspektive Charles’ verfolgt, fast verbittert zurück: Charles kommt - für alle Außenstehenden fast natürlich! - zu spät zur Feier von Pierres grandioser Rückkehr in den Ort, und alles dreht sich - naturgemäß - wieder ganz um Pierre, der - ohne dies selbst groß zu forcieren - im Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit steht, während Charles - der eigentlich, für sich und mit dem Leser im Schlepptau - den Hintergründen auf die Spur gekommen ist, diese aber aufgrund eigener Zaghaftigkeit nicht selbst hat aufdecken können, ist wieder, wie so oft schon in seinem Leben, zur Rolle der ewigen blassen Randfigur neben seinem strahlenden Bruder verdammt. Nicht einmal sein Bruder - vom Typus her ein einfacher, gutmütiger, uneitler Seemann, dem die Beachtung des sozialen Umfelds eher “naturgegeben” zufließt als dass er sich darum bemüht - hat mitbekommen, dass sich Charles während der Zeit seiner Untersuchungshaft fast verzweifelt darum bemüht hat, das zu tun, was er immer getan hat: nämlich, für Pierre die Dinge in Ordnung zu bringen und dessen Unschuld zu beweisen. Vermutlich wird - das darf über das Ende hinaus spekuliert werden - Charles sogar seine Verlobte Babette verlieren, die (dafür gibt es einige Hinweise) auch eher auf seinen Bruder steht als auf ihn.
Atmosphärisch sehr dicht, spannend geschreiben, mit Liebe zur Detailbetrachtung. Auf jeden Fall einer der starken “Romans durs” Simenons!
Testuser schrieb am 24.03.2012
Dies ist nur eine Test-Nachricht…
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Finding this post sovels a problem for me. Thanks!
Blue am 19.10.2012
zu »So falsch nicht«.
Bevor ich die letzten drei Seiten dieses Romans gelesen habe, hatte ich bereits eine nahezu vollständige - und sehr positive - Bewertung des Buches vor Augen. Durch die Lektüre der…
Saint-Fiacre am 24.03.2012
zu »Das zweite Leben«.
Dies ist nur eine Test-Nachricht…
Testuser am 24.03.2012
zu »Die Überlebenden der »Telémaque««.
Auch, wenn der Klappentext so gelesen werden kann: Bei diesem Buch handelt es sich bestenfalls vordergründig um einen Kriminalroman. Der “Fall”, um den es geht, wie auch dessen Hintergrundgeschichte (das…
Saint-Fiacre am 23.03.2012
zu »Die Überlebenden der »Telémaque««.
Seitdem ich vor gut fünf Jahren Simenon für mich entdeckt habe, befällt mich etwa zweimal pro Jahr der Drang, ihn zu lesen. In aller Regel bleibt es dann nicht bei…
Saint-Fiacre am 23.03.2012
zu »Die Verbrechen meiner Freunde«.
Bin gleicher Meinung wie Torsten. Habe diesen Roman erst kürzlich wieder mal gelesen und finde ihn auch sehr interessant und spannend.
Peter Lüdi am 21.01.2012
zu »Maigret bei den Flamen«.
Übrigens kann man diesen Maigret immer wieder lesen. Er ist und bleibt hochinteressant und mam merkt ihm die 70 Jahre, die der Roman schon auf dem Buckel hat, wirklich nicht…
Torsten Janssen am 20.01.2012
zu »Maigret bei den Flamen«.